Jerome Powell: Weitere verbale Kehrtwende - Können "sanfte Landung" für die Wirtschaft nicht versprechen

onvista · Uhr
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Für die US-Notenbank Federal Reserve bleibt es das oberste Ziel, die aus dem Ruder gelaufene Inflation zu bekämpfen und zurück auf ein angestrebtes Niveau von 2 Prozent zu bringen. Das dies auch in Form einer „sanften Landung“ für die Wirtschaft, also ohne den Ausbruch einer Rezession gelingen kann, wie in den letzten Monaten von verschiedenen Stellen der Fed immer wieder versichert, ist nun jedoch nicht mehr in Stein gemeißelt.

Jerome Powell, der Vorsitzende der Fed, hat am Donnerstag in einem Interview gesagt, dass er nun keine sanfte Landung für die Wirtschaft mehr versprechen könne. „Eine sanfte Landung ist also wirklich nur eine Rückkehr zu einer Inflation von 2 %, während der Arbeitsmarkt stark bleibt. Und es ist aus mehreren Gründen ziemlich schwierig, das jetzt zu erreichen“, sagte der Zentralbankchef in einem Interview. Vor allem der angespannte Arbeitsmarkt, der die Löhne in die Höhe treibt und so eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen könnte, sei ein Risiko und mache es zu einer größeren Herausforderung eine Rezession als Folge einer Zinserhöhungsperiode zu vermeiden.

Die zusätzlichen Schmerzen, die Zinserhöhungen für die Wirtschaft mit sich bringen, sind aus Sicht des Notenbankchefs ein notwendiges Übel, da eine zu lange außer Kontrolle geratene Inflation langfristig eine wesentlich größere Gefahr sei. „Unser Ziel ist es natürlich, die Inflation wieder auf 2 Prozent zu senken, ohne dass die Wirtschaft in eine Rezession gerät oder, um es so auszudrücken, der Arbeitsmarkt ziemlich stark bleibt“, sagte er. „Das versuchen wir zu erreichen. Ich denke, das Einzige, was wir wirklich nicht tun können, ist, die Wiederherstellung der Preisstabilität zu verfehlen. Ohne Preisstabilität funktioniert nichts in der Wirtschaft, die Wirtschaft funktioniert für niemanden.“

Die Federal Reserve hat die Zinsen in diesem Jahr bereits zwei Mal erhöht, auf einen Leitzinssatz von derzeit 0,75 Prozent. Für die nächsten beiden Zinssitzungen werden weitere Erhöhungen von jeweils 0,5 Prozent am Markt erwartet. Die große Frage ist, ob die Erhöhung des Leitzins die Inflation schnell wird eindämmen können, da die Fed so nur indirekt auf die Nachfrage einwirken kann, die Ursachen der derzeitigen Inflation jedoch auf der Angebotsseite liegen, durch Lieferengpässe aus der Pandemie-Zeit und den neuen geopolitischen Problemen, die sich vor allem auf die Energiemärkte auswirken. Das Szenario einer Stagflation, also eines wirtschaftlichen Rückgangs bei gleichzeitig hoher Inflation, wird somit immer wahrscheinlicher.

Lieber auf die Fundamentaldaten schauen als auf Notenbanker hören

Die Federal Reserve ist in einer denkbar ungünstigen Lage. Scheinbar gibt es im derzeitigen Umfeld nur die Auswahl zwischen Pest und Cholera, da eine Rezession die Wirtschaft kurzfristig, eine zu sehr ausufernde Inflation die Wirtschaft jedoch langfristig und dafür umso heftiger niederringen könnte. Die Kommunikation der Notenbanker muss man als Anleger als das nehmen was es ist: ein vorsichtiges Herantasten an die Stimmung der Wirtschafts- und Marktteilnehmer. Da jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, müssen ein Jerome Powell und andere Notenbanker mit Samthandschuhen durch Interviews und Pressekonferenzen navigieren.

So sind aus einer "transitory", also einer vorrübergehenden Inflation und einer ganz bestimmt sanften Landung für die Wirtschaft nur allmählich ein ernstes Inflationsproblem und eine deutliche Rezessionsgefahr in der Kommunikation von offizieller Seite geworden. Blickt man auf die fundamentalen Daten am Markt, weiß man als Anleger jedoch schon länger um diese Faktoren. Daher gilt angesichts der Inflations- und Rezessionsgefahr weiterhin die Devise: defensiv und diversifiziert aufgestellt sein und sich in den nächsten Monaten eher auf den Erhalt des Kapitals als auf dessen Vermehrung konzentrieren, denn der weitere Pfad für die Märkte dürfte turbulent bleiben.

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