Verunglückte Indexreform

Stefan Riße

Die Deutsche Börse hat entschieden, die Index-Familie und damit auch den prominenten Deutschen Aktienindex (DAX) umzustrukturieren. Statt 30 soll er in Zukunft 40 Werte enthalten. Anlass dafür dürften vor allem drei Faktoren sein. Der eine ist seine gegenüber anderen Indizes sehr schwache Wertentwicklung. Diese sieht im Übrigen noch besser aus als sie in Wirklichkeit ist. Denn der DAX Performance-Index, so wie wir ihn tagtäglich präsentiert bekommen, bildet ja nicht nur die Kurse ab, sondern berechnet die gezahlten Dividenden mit ein. Das ist beim S&P 500 Index in den USA anders und dennoch ist dieser viel besser gelaufen. Schaut man sich den relativ unbekannten DAX Kurs-Index an, muss man feststellen, dass dieser nach wie vor unter dem Stand des Jahres 2000 notiert. Anleger, die in den DAX investierten, haben insofern in den letzten 20 Jahren nur Dividenden verdient. Ein weiterer Anlass dürfte die Pleite Wirecards sein, die den DAX stark beschädigt hat. Und als drittes Argument für eine Umstrukturierung ist wohl die Kritik an der Aufnahme des Essenslieferanten Delivery Hero in den DAX bei der letzten Index Umstellung. Aber nun der Reihe nach.

Ein DAX mit 40 Werten erlaubt mehr neue Welt

Der DAX ist in den vergangenen Jahren auch deshalb so schlecht gelaufen, weil er sehr viel zyklische Titel enthalten hat und noch enthält, und dann auch noch welche aus Branchen, die unter strukturellen Problemen litten. Da waren zunächst die Versorger, die ausgelöst durch die Havarie des Atomkraftwerks im japanischen Fukushima unter dem Atomausstieg der Bundesregierung litten. Dann kam die Finanzkrise, und es traf die Banken und hier insbesondere die deutschen aufgrund von Missmanagement aber auch wegen des sehr zerklüfteten und wettbewerbsintensiven Bankenmarktes in Deutschland mit den Volks- und Raiffeisenbanken und den Sparkassen. Und zuletzt litten die Automobilhersteller aufgrund der Umstellung auf die Elektromobilität. Kurzum, es gibt im DAX zu wenig zukunftsorientierte Technologieunternehmen, die beispielsweise von der Digitalisierung profitieren. Hiervon könnten bei zukünftig 40 Titeln natürlich mehr in den Index aufgenommen werden.

Chance aufgetan und gleich wieder vertan

Eine Erweiterung auf 40 Werte hat also durchaus was für sich. Nur sollen gemäß der Reform zukünftig nur noch Unternehmen in den Index aufgenommen werden, die zuvor zwei Jahre Gewinn ausgewiesen haben. Dies ist sicher eine Folge der Aufnahme von Delivery Hero, wo mittlerweile dem letzten klar sein dürfte, dass dieses Unternehmen nur in den Index aufgestiegen ist, weil es durch die Corona-Krise eine Sonderkonjunktur erlebt. Mit der neuen Regelung wäre dies Delivery Hero freilich nicht gelungen, denn das Unternehmen macht bisher keine Gewinne. Wirecard hingegen wäre so aber auch nicht verhindert worden, denn nach den Bilanzen sah das Unternehmen ja hochprofitabel aus. Die Regel hätte damit zwar nicht den größten Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte aus dem DAX rausgehalten, wohl aber große Technologiewerte wie Facebook oder Amazon, wären es denn deutsche Unternehmen. Denn die Tech-Giganten aus den USA machten jahrelang hohe Verluste. Insofern ist diese Regel, nach der nur profitable Unternehmen in den DAX aufgenommen werden können, eine Kurzschlusshandlung.

Warum kann in Deutschland eine Aktie nur in einem Index sein?

Weitere Kritik entzündet sich daran, dass der MDAX, also das Indexsegment unter dem DAX, zehn Werte abgeben muss. Anstatt 60 sind es dann nur noch 50 Werte. Galt der MDAX doch als Referenz für den erfolgreichen deutschen Mittelstand. Seine Performance war weit besser als die des DAX 30. Hier offenbart sich ein weiterer Webfehler in der deutschen Index-Landschaft. Denn während in den USA Aktien durchaus im Nasdaq 100, im S&P 500 als auch im Dow Jones vertreten sein können, herrscht in Deutschland die Regel, das sich ein Unternehmen entweder nur im DAX 30, im MDAX, im SDAX oder im TecDAX befinden kann. Warum ist es nicht möglich, dass eine Technologie-Firma sowohl im TecDAX als auch im DAX 30 beziehungsweise zukünftig im DAX 40 enthalten ist, wenn sie eben entsprechend groß genug ist? Dem TecDAX würde es durchaus gut tun, wenn SAP beispielsweise Teil dieses Index wäre, so wie sich natürlich die großen Technologiewerte in den USA alle im Nasdaq 100 befinden. Es wäre daher klug, wenn die Verantwortlichen der Deutschen Börse die geplante Reform noch einmal reformieren würden. Aber ich fürchte, dafür ist es schon zu spät.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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