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Aktienmärkte im Griff der Bären - Jeremy Grantham: "Wenn wir Pech haben könnte es Jahre dauern"

onvista · Uhr
Quelle: Who is Danny/Shutterstock.com

Der jüngste Abverkauf an der Wall Street festigt mehr und mehr das Bild eines übergeordneten Bärenmarktes, da die derzeitigen Kursbewegungen eine Menge entsprechender Charakteristiken haben. Nach zwei Tagen der Erholung hat der Markt am Donnerstag wieder komplett nach unten gedreht und mehr Tribut gefordert, als in der zweitätigen Aufwärtsbewegung an Boden gut gemacht werden konnte.

Charakteristiken eines Bärenmarktes

In den letzten Wochen gab es einige kurzfristige, volatile Aufwärtsbewegungen, die alle nicht nachhaltig waren – der übergeordnete Abwärtstrend hält an. Solange es keine echte Kapitulation an den Märkten gibt, die einen Boden signalisiert, sollte jede Rally weiterhin skeptisch betrachtet werden. In der letzten Woche ist der S&P 500 mit einem Bounce ganz knapp dem charttechnischen Bärenmarkt-Territorium entkommen, welches durch ein Minus von 20 Prozent vom letzten Allzeithoch gekennzeichnet wird. Mit den gestrigen Verlusten von gut 4 Prozent rückt er dieser Marke wieder gefährlich nahe. Ein Schlusskurs von 3.837 Punkten würde diese Marke signalisieren. Vorbörslich stehen die Zeichen heute an der Wall Street erneut auf Rot.

Pessimismus und düstere Korrektur-Prognosen

Die jüngste Entwicklung an den Märkten trägt zum verbreiteten Pessimismus unter Analysten bei. So sieht Scott Minerd, Global Chief Investment Officer von Guggenheim Partners, die Möglichkeit eines „schrecklichen Sommers und Herbstes“, wie er gegenüber mehreren US-Medien skizziert hat. Der Experte hält einen Abverkauf des Nasdaq um 75 Prozent vom letzten Allzeithoch (derzeit ist der Tech-Index gut 28 Prozent davon entfernt) und einen Abverkauf von 45 Prozent für den S&P 500 vom letzten Allzeithoch (derzeit knapp 20 Prozent) für plausibel.

Minerd zieht dabei Parallelen aus dem Markt während der 2000er Jahre. „Das sieht sehr nach dem Zusammenbruch der Internetblase aus.“ Zudem sieht der Experte keine Hilfe von der Federal Reserve kommen, etwas, worauf sich die Märkte in den letzten Jahren immer verlassen konnten. „Was mir klar ist, ist, dass es keinen „Markt-Put“ gibt, und ich denke, dass wir alle jetzt zu dieser Tatsache aufwachen“, sagte Minerd. Damit spielt der Experte auf den sogenannten „Fed-Put“ an, also eine Intervention der US-Notenbank, um die Finanzmärkte zu stützen, sollte es zu einem Crash wie zuletzt März 2020 kommen. Die jüngsten Aussagen des Fed-Chefs Jerome Powell würden nur wenig Zweifel daran lassen, dass die Inflationsbekämpfung nun die oberste Priorität sei.

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„Die Fed scheint sehr wenig Sorge über die Fortsetzung dessen zu haben, was ich jetzt für einen Bärenmarkt halte“, sagte Minerd. „Wenn das der Fall ist, werden wir wahrscheinlich einen ziemlich heftigen Ausverkauf haben“, sagte er. Der Investor sagte, ein schwerer Abschwung könnte den Zentralbankern wieder mehr Spielraum für Lockerungen geben, aber eine Pause von den Zinserhöhungen werde möglicherweise erst kommen, wenn bereits viel Schaden angerichtet sei.

Jeremy Grantham: Korrektur könnte Jahre dauern

Der prominente Investor Jeremy Grantham, der unter anderem für seine Vorhersage des Internet-Crashs und der Finanz-Krise 2008 bekannt ist, hat seine Prognose aus Anfang 2022 noch einmal bekräftigt, dass weitere schwere Abverkäufe zu erwarten sind. „Neulich waren wir beim S&P 500 um etwa 19,9 Prozent und beim Nasdaq um etwa 27 Prozent im Minus. Ich würde mindestens sagen, wir werden wahrscheinlich noch einmal das Doppelte sehen“, sagte der Experte am Mittwoch gegenüber CNBC.

Auch Grantham zieht Parallelen zur Dotcom-Blase, nennt jedoch auch einige Unterschiede. „Oberflächlich gesehen sieht diese Blase sehr nach den 2000ern aus, da sich die Korrektur besonders auf US-Tech-Werte konzentriert, die unglaubliche Höhen erreicht haben. Im Jahr 2000 konzentrierte sich der Ausverkauf auf US-Aktien, während sich andere Vermögenswerte wie Anleihen, Rohstoffe und Immobilien gut behaupteten. Diesmal spielen wir jedoch mit allen Vermögenswerten herum. Dies hat sich historisch als sehr gefährlich herausgestellt.“

Auch was den Zeithorizont angeht, zeichnet der Experte ein pessimistisches Bild. „Wenn wir Pech haben, was durchaus möglich ist, würden wir so drei weitere Abwärtsbewegungen machen, und es könnte ein paar Jahre dauern, wie es in den 2000er Jahren der Fall war.“

Was heißt das für Anleger?

Düsterer könnten die Prognosen der Analysten derzeit kaum sein. Zwar wird an den Aktienmärkten die Zukunft gehandelt und auch eine Phase schwerer wirtschaftlicher Zeiten dürfte mit einer erwarteten Erholung in den Preisen vorweggenommen werden, jedoch bleibt das große Problem weiterhin die Unklarheit, wie und ob eine Rezession die Wirtschaft treffen wird. Die Chance, diesem Szenario zu entkommen, wird immer unrealistischer, doch noch hält sich ein wenig Hoffnung an den Märkten.

Man sollte hier jedoch realistisch sein: Eine strikte Einpreisung einer Rezession plus die Zurücksetzung der durch die Pandemie-Maßnahmen der Notenbanken komplett aufgeblähten Finanzmärkte dürfte noch lange nicht erreicht sein. Weitere Korrekturen an den Finanzmärkten müssen als wahrscheinliches Szenario in Betracht gezogen werden.

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