Kolumne von Stefan Riße

Qualität an der Börse kostet - gut so!

Stefan Riße · Uhr
Quelle: T. Schneider/Shutterstock.com

Derzeit hört man immer wieder, dass die Börsen hoch bewertet seien. Ein genauer Blick stützt diese Aussage allerdings nicht. Schaut man beispielsweise auf den S&P-500-Index, dann liegt dieser zwar doch recht deutlich über seiner historischen Durchschnittsbewertung.

Nimmt man allerdings die berühmt berüchtigten „Magnificent Seven“- Aktien heraus, liegt die Bewertung schon auf dem historischen Durchschnitt. Das Ganze zeigt sich auch bei der Betrachtung des S&P-500-Equal-Weight-Index, in dem alle Titel und eben auch die großen Technologiewerte mit 0,2 Prozent gleich gewichtet werden.

Beim Blick in die zweite Reihe in den USA lässt sich sogar feststellen, dass die Bewertung unter dem historischen Durchschnitt liegt. Ähnliches gilt für Europa mit dem EuroStoxx50 und auch für den Dax. Historisch betrachtet sind sie nicht teuer. Von einem allgemein hoch bewerteten Aktienmarkt zu sprechen, ist daher falsch.

Qualität hat auch in der zweiten Reihe ihren Preis

Trotz dessen sind viele Aktien nicht günstig, sondern eher teuer. Es sind die Unternehmen, die wir alle lieben. Unternehmen mit hohen Gewinnmargen, steigenden Gewinnen und Cashflows sowie wachsenden Marktanteilen in profitablen, insgesamt wachsenden Branchen.

Dazu gehören, mal abgesehen vielleicht von Tesla, die „Magnificent Seven“ in den USA und auch die „Granolas“ in Europa. Hinter dieser Abkürzung verbergen sich Unternehmen wie LVMH (Louis Vuitton), ASML oder Novo Nordisk. Auch hier handelt es sich um große Titel mit vielen Milliarden Euro Marktkapitalisierung. Auch diese Aktien werden nach oben getragen durch die massiven Käufe von S&P 500 oder MSCI World ETFs.

Da diese Firmen mit hohen Gewichtungen in den Indizes enthalten sind, profitieren sie entsprechend von diesen Mittelzuflüssen. Auf unserer jüngsten Anlagestrategiesitzung bei Acatis fragte ich deshalb unsere Portfoliomanager, ob es nicht Unternehmen aus der zweiten Reihe gäbe, die die gleichen Qualitätsmerkmale aufweisen würden, die aber wie der Rest der Nebenwerte noch günstig bewertet seien, weil sie eben nicht von den ETF-Käufen profitierten.

Die Antwort war leider: Nein. Die Titel, die ins Schema passten und die wir diskutierten, hatten alle Kurs-Gewinn-Verhältnisse von um die 30. Was billig ist, hat in der Regel eben auch einen Makel. Das ist der Unterschied zum Börsenaufschwung 2021, als alles ähnlich wie im Internet-Boom um die Jahrtausendwende nach oben gejubelt wurde, was mit Technologie zu tun hatte. Unprofitable Technologieunternehmen stiegen in dem Jahr sogar stärker als die hoch profitablen bekannten Namen. Mittlerweile wurden diese aber abgestraft, und das aus gutem Grund.

Deutsche Autokonzerne als Value-Fallen

Deutsche Automobilhersteller sind ein schönes Beispiel für Aktien mit günstiger Bewertung, aber einem entscheidenden Makel. Auf den ersten Blick erschienen sie unglaublich attraktiv. Mercedes, BMW, Volkswagen und Porsche bekam man zusammen weit günstiger als Tesla.

Da lachten einen Kurs-Buchwert-Verhältnisse von unter eins und Dividendenrenditen von über fünf Prozent an. Trotzdem blieb es ein schlechtes Geschäft, weil die Profite von heute zwar im Verhältnis zum Kurs der Aktien sehr hoch sind, aber niemand weiß, wer im Zuge der Transformation ins Zeitalter der Elektromobilität der Gewinner sein wird.

Nach den deutschen Autobauern sieht es derzeit jedenfalls nicht aus, vor allem nicht für Volkswagen im mittlerweile wichtigsten Markt China. Da sieht es eher danach aus, als würden die deutschen Automobilhersteller marginalisiert. Zum Glück haben wir es geschafft, selbst als eingefleischte Value-Anleger der Versuchung dieser attraktiven Kennzahlen zu widerstehen.

Viele andere Beispiele dieser Art gibt es zuhauf. Dazu gehören auch Unternehmen, deren Geschäftsmodell massiv durch die Disruption gefährdet sind, die die künstliche Intelligenz mit sich bringen wird. Und so bleibt eine Erkenntnis: Qualität hat ihren Preis. Wer sie günstig einkaufen will, der wird auf einen Rückschlag warten müssen. Und, so viel ist sicher: Der kommt immer irgendwann. 

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