In Corona-Krise vorsichtiger Optimismus in Deutschland - USA in Angst

Reuters

- von Markus Wacket und Steve Holland

Berlin/Washington (Reuters) - Gut eine Woche nach verschärften Kontaktsperren zeigt sich das Robert-Koch-Institut (RKI) vorsichtig optimistisch im Kampf gegen das Coronavirus.

"Mein Optimismus ist natürlich noch immer da. Und ich denke, er ist auch begründet", sagte RKI-Chef Lothar Wieler am Dienstag in Berlin. Einen Trend werde man aber erst bis Ostern ausmachen können. Der von RKI gemeldete prozentuale Zuwachs der Infizierten lag in den vergangenen Tagen deutlich unter dem der Vorwoche. Die Regierung hatte darauf verwiesen, dass die Wirkung der seit dem 23. März verhängten Kontaktsperren nach acht bis 14 Tagen zu sehen sein müsse. Während deutsche Daten Hoffnung machen, verschärft sich die Lage in anderen Ländern: Die USA verzeichnen inzwischen doppelt so viele Fälle wie China. In Spanien ging die Totenzahl kaum zurück. Südkorea und China rüsten sich für eine zweite Infektionswelle.

Für Deutschland meldete das RKI knapp 62.000 Fälle und damit gut 4600 mehr als am Montag. Dies ist ein Plus von unter zehn Prozent. Die Totenzahl stieg jedoch auch auf 583 und damit um 128. Es seien nun zunehmend Ältere und Kranke infiziert. "Die Sterberate wird weiter steigen", sagte Wieler voraus. Bei den Neuinfektionen liegt der Schnitt der Meldungen zwischen Samstag und Dienstag jetzt aber nur noch bei zehn Prozent. Im Zeitraum der Vorwoche waren es durchschnittlich über 17 Prozent täglich. Würde sich die 10-Prozent-Rate fortsetzen, dauert es mehr als sieben Tage, bis sich die Infektionszahlen verdoppeln. Für eine Lockerung der bestehenden Beschränkungen hat die Regierung dafür jedoch einen Zeitraum von um die zehn Tage genannt. Am Mittwoch berät Kanzlerin Angela Merkel erneut mit den Ministerpräsidenten der Länder. Klar ist aber, dass die Auflagen nicht vor dem 20. April gelockert werden dürften.

DEBATTE ÜBER EINSATZ VON MASKEN UND HANDY-APPS

Dennoch hat die Debatte über den Exit längst begonnen. Diskutiert werden Mund-Nase-Masken in der Öffentlichkeit und das sogenannte Tracking, also die Überwachung von Infizierten und Kontakten per Handy-App. Jena führt als erste deutsche Stadt eine Maskenpflicht ein. In einer Woche solle das Tragen eines Mund-und-Nasen-Schutzes in Geschäften und Bussen und Bahnen verpflichtend werden. Neben Masken werden auch Tücher oder Schals über Mund und Nase als Schutz anerkannt. Diese können die Träger zwar nicht vor Infektion schützen, aber die Weitergabe des Virus durch Husten oder Niesen einschränken. Bundesinnenminister Horst Seehofer lehnt ein generelles Gebot zum Tragen von Masken, wie dies Österreich verhängt hat, zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab, wie er "Bild" sagte.

Um Kontaktpersonen von Infizierten schneller ausfindig zu machen, werden zudem Forderungen nach einer Handy-App lauter. Auch das RKI hält dies für sinnvoll. Justizministerin Christine Lambrecht verlangte im Deutschlandfunk aber, der Einsatz müsse freiwillig sein. Der Datenschutzbeauftragte Ulrich Kelber hält dies ebenfalls für den einzige gangbaren Weg: "Wie wollen Sie in einem demokratischen Land die Nutzung einer App erzwingen? Der Staat müsste das doch auch überprüfen. Das geht doch gar nicht mit verhältnismäßigen Maßnahmen", sagte Kelber der "Wirtschaftswoche".

Gesundheitsminister Jens Spahn befürwortet das "Tracking" ebenfalls, um selbst bei einer Lockerung der Kontaktverbote die Epidemie unter Kontrolle zu behalten. Bei einem Besuch der Uni-Klinik Düsseldorf bereitete der Minister die Krankenhäuser auf viele schwere Fälle vor: "Eins ist auch klar: Es wird in den nächsten Tagen auch eine steigende Zahl von Intensivpatienten und Beatmungspatienten geben", sagte er. Deutschland will auch mit neuen Intensivbetten eine Lage wie in Italien oder Spanien vermeiden, wo die Zahl bei weitem nicht ausreicht. Spanien hat mit einem Anstieg auf gut 94.000 Infizierte ähnliche Zahlen wie China. Obwohl der Anstieg in Spanien damit vergleichsweise niedrig war, verzeichnete das Land erneut weit über 800 Tote innerhalb eines Tages.

USA WILL EINSCHRÄNKUNGEN VERSCHÄRFEN

Die USA als aktuelles Epizentrum der Krise haben inzwischen mit über 160.000 Infizierten fast doppelt so viele wie China gemeldet. Mehr als 3000 Menschen sind gestorben. US-Präsident Donald Trump kündigte an, Kontaktsperren und Reiseverbote würden wohl ausgeweitet und den ganzen April gelten. "Die Richtlinien bleiben bestehen und werden vielleicht noch ein bisschen verschärft." Jeder müsse seine Rolle in diesem Krieg gegen das Virus spielen. Die nächsten 30 Tage seien entscheidend. Kalifornien meldete, dass sich die Zahl der Intensivpatienten in den vergangenen vier Tagen verdreifacht habe. Der Bundesstaat appellierte an Ärzte im Ruhestand und Medizinstudenten, sich zum Einsatz zu melden.

Der Autokonzern Ford kündigte an, zusammen mit General Electric in den kommenden 100 Tagen 50.000 Beatmungsgeräte zu fertigen. Danach werde man in der Lage sein, 30.000 weitere Geräte pro Monat zu bauen. Es solle fast rund um die Uhr in drei Schichten gearbeitet werden.

China und Süd-Korea, wo die Epidemie weitgehend eingedämmt zu sein schien, bereiteten sich unterdessen auf eine neue Welle vor: China verschob daher die geplanten Aufnahmeprüfungen für Hochschulen um einen Monat. Süd-Korea sagte die eigentlich für nächste Woche geplante Wiedereröffnung der Schulen ab. In China gibt es zudem zunehmende Zweifel an den offiziellen Daten über die bisherigen Infektionen. Ab Mittwoch sollten auch die Zahlen von Infizierten ohne Krankheitssymptome veröffentlicht werden, kündigte die Nationale Gesundheitskommission in Peking an.

Australien meldete einen anhaltenden Rückgang der Neuinfektionen. Die Zuwachsrate habe sich zuletzt auf durchschnittlich neun Prozent von 25 bis 30 Prozent vor einer Woche verlangsamt, sagte Gesundheitsminister Greg Hunt. Er warnte jedoch vor einem Nachlassen der Anstrengungen im Kampf gegen das Virus.

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