EY-Partner - Es gab Jahre vor Wirecard-Kollaps Hinweise auf Betrug

Reuters

Berlin (Reuters) - Der Wirtschaftsprüfer des nach einem Bilanzbetrug kollabierten Zahlungsabwicklers Wirecard hatte schon Jahre vor der Insolvenz Hinweise auf Unregelmäßigkeiten.

"Wir hatten Indikationen, aber keine Beweise", sagte EY-Partner Christian Muth am Donnerstag im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu dem milliardenschweren Finanzskandal. Er bezog sich dabei auf Unregelmäßigkeiten nach Übernahmen in Indien, die Gegenstand einer Sonderprüfung waren. Abgeordnete mehrerer Parteien sagten der Nachrichtenagentur Reuters, Muth belaste mit seiner Aussage die eigenen Kollegen.

Muth ist beim jahrelangen Wirecard-Prüfer Ernst & Young (EY) ein sogenannter Forensiker. "Wir suchen und finden Fakten", so der 45-Jährige. Dies geschehe durch die Auswertung der Buchhaltung, von Emails, öffentlich zugänglichen Informationen sowie Interviews mit Mitarbeitern in den zu prüfenden Unternehmen. Sein Team habe aber unabhängig vom eigentlichen Bilanz-Prüfungsteam agiert.

Unmittelbar vor der Testierung des Jahresabschlusses 2016 habe die Untersuchung von Korruptionsvorwürfen durch das Team von Muth mehrere rote Ampeln gezeigt, sagte Jens Zimmermann, der für die SPD im U-Ausschuss sitzt. "Dennoch wurde der Jahresabschluss durch EY durchgewunken." Ähnlich äußerte sich Danyal Bayaz von den Grünen. Muth belaste seine Prüfer-Kollegen. "Es gibt starke Indizien, dass Risiken nicht ausreichend benannt und angemessen ausgewertet wurden."

Muth sagte, er schiebe viel Frust mit sich rum. Daten und Emails seien in dem Fall immer wieder nicht zur Verfügung gestellt worden, auch Interviews nicht zustandegekommen ebenso wie eine Reise nach Indien. "Es ist ganz offensichtlich, dass Wirecard die Untersuchungen von EY gezielt behindert hat", sagte FDP-Finanzpolitiker Florian Toncar. "Es bleibt aber umso rätselhafter, warum EY trotzdem immer wieder die Wirecard-Bilanz abgesegnet hat. Das kann nur in einem gewissen Blindflug passiert sein."

Der frühere Dax-Konzern Wirecard war im Juni 2020 nach Bekanntwerden milliardenschwerer Luftbuchungen in die Pleite gerutscht. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bilanzfälschung, Betrug, Marktmanipulation und Geldwäsche. Mehrere Ex-Manager von Wirecard sitzen in Untersuchungshaft, ein früherer Vorstand ist auf der Flucht. EY hat jahrelang die Bilanzen von Wirecard testiert und steht deswegen massiv in der Kritik. Muth sagte, dies werde intern aufgearbeitet zusammen mit externen Experten. EY trage zur Aufklärung bei, es gebe seiner Kenntnis nach aber noch keinen Zwischenbericht oder ähnliches.

Im März hatten andere EY-Vertreter im U-Ausschuss des Bundestags die Schuld dem Wirecard-Management zugeschoben. Der abgesetzte Deutschlandchef von EY, Hubert Barth, sprach von einem "vorsätzlichen und systematischen Betrug" von wenigen Personen. So etwas sei nicht immer zu erkennen, auch nicht von Wirtschaftsprüfern. Die Bilanzprüfungen seien stets sorgfältig gewesen und hätten eine kritische Grundhaltung gezeigt. Wirtschaftsprüfer seien aber nicht die Kriminalpolizei und auch nicht die Staatsanwaltschaft.

Abgeordnete des Bundestags sehen EY auch durch ein bislang unveröffentlichtes Sondergutachten belastet, den sogenannten Wambach-Bericht. Nach Darstellung der SPD hat bei EY eine kritische Grundhaltung gefehlt, Rechnungslegungs- sowie Qualitätsstandards seien vernachlässigt und Warnsignale übersehen worden.

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