Kutzers Zwischenruf: Tech-Aktien – hohe Kurse sind kein Verkaufsargument

Hermann Kutzer

Solange die Profis kontrovers über Strategie und Taktik diskutieren - und dementsprechend unterschiedlich handeln -, ist die Börsenwelt in Ordnung. Gefährlich wird’s erst, wenn fast alle als Käufer oder Verkäufer auf einer Seite stehen (eine seltene Phase). Gegenwärtig liefert das Umfeld der Finanzmärkte die Risiken - die Pandemie als Wachstumsbremse der Wirtschaft. Geht es um konkrete Anlageentscheidungen, gehen die Meinungen über die Investmentstile in der Fachwelt auseinander: Wieder auf Value oder weiter auf Growth setzen? Der Börsenneuling mag sich wundern, dass nicht in erster Linie die Höhe der Kurse in Frage steht, was unter anderem der herausragenden Position der Aktie im Zeitalter der Nullzins-Politik zu verdanken ist. Außerdem ist ein alter „Börsianer-Hut“ die Beobachtung, dass historisch hohe Kurse noch viel höher klettern und umgekehrt tief gefallene Preise noch weiter sinken können. Deshalb benutze ich für Aktien auch nicht die wertbeschreibenden Begriffe „billig“ und „teuer“.

Allerdings: Vergleiche sind nun einmal unumgänglich, wenn man Chancen und Risiken abwägt. Das betrifft nicht allein Analysten und professionelle Investmentstrategen. Auch Sie, geschätzte Anleger, werden als Freunde der Aktie immer wieder Märkte, Branchen und Einzelwerte für Ihre Anlageentscheidungen vergleichen. Dabei kommt oft der Faktor Zeit ins Spiel. Aktuelles Beispiel: Sind die Technologiewerte nach ihrer alpinen Kursentwicklung in höchst gefährliche Höhen angelangt (also „zu teuer“)? Internationale Anlagemanager bleiben gelassen und sehen den Höhenflug noch nicht am Ende. Auch für mich bleiben die Tech-Giganten zusammen mit dem Healthcare-Sektor langfristige Favoriten von Shanghai bis zur Wall Street.

Ein langfristiger Ansatz ist unerlässlich, um möglichst umfassend von den Chancen zu profitieren, die aus dem Wandel hin zu einer digitalen Weltwirtschaft resultieren, schreibt Denny Fish, Portfoliomanager und Technologieexperte bei Janus Henderson, in einer aktuellen Analyse zu Technologieaktien. Viele Anleger fordern aufgrund der jüngsten Volatilität eine Sektor-Rotation oder eine Verlagerung auf Value-Aktien. „Wir denken allerdings, dass Technologie- und internetfokussierte Kommunikationsaktien nach wie vor mit die vielversprechendsten Wachstumschancen bieten,“ heißt es in der Analyse. Die Kurse vieler Technologieaktien sind zwar in die Höhe geschnellt, jedoch bieten viele marktführende Technologie- und internetfokussierte Kommunikationsunternehmen mit die solidesten Fundamentaldaten und das stärkste langfristige Wachstum in allen Aktiensegmenten. Sie glänzen daher mit ausgezeichneten Finanzergebnissen. Diese Entwicklung kann noch mehrere Jahre andauern.

Wichtig erscheint mir der Vergleich mit dem Platzen der Dotcom-Blase vor 20 Jahren,  denn es gibt einen entscheidenden Unterschied: Im Gegensatz zu damals scheinen Technologiefirmen heute Unternehmen wichtige Effizienzsteigerungen und Verbrauchern Mehrwert bieten zu können. Am deutlichsten lässt sich das an der stärkeren Nutzung des Online-Handels, Tele-Lernen und -arbeiten sowie an der Online-Unterhaltung ablesen.

Ähnliches lese ich bei der Deutschen Bank mit einem ganz aktuellen Bezug: Heute nach Börsenschluss wird Microsoft Quartalszahlen vorlegen; am Donnerstag folgen die Berichte von Apple, Amazon, Alphabet und Facebook. Analysten prognostizieren, dass der IT-Sektor im dritten Quartal trotz Coronavirus-Krise ähnlich hohe Gewinne eingefahren hat wie im Vorjahresquartal. Diese Krisenfestigkeit hat Tech-Aktien 2020 in neue Höhen getrieben. Der Sektor steht inzwischen für 28 Prozent des S&P 500; Blasen-Propheten rufen deshalb bereits die nächste Dotcom-Bubble aus. Dabei sind IT-Werte nicht ansatzweise so spekulativ wie Ende der 90er-Jahre. Entpuppten sich damals zahlreiche Geschäftsmodelle als Luftnummern, sind die Unternehmen heute äußerst profitabel. Das Verhältnis aus Kurs und Gewinnausschüttungen (Aktienrückkäufe + Dividenden) liegt derzeit so hoch wie im Schnitt der vergangenen 30 Jahre und sechs Mal unter dem Niveau der IT-Blase. Urteilt Dirk Steffen, Leiter Kapitalmarktstrategie: „Wenngleich einige Bewertungen auf den ersten Blick hoch erscheinen, halte ich den Sektor deshalb nicht für überbewertet.“

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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