Studie - Zahl der Arbeitskämpfe 2023 auf Rekordhoch

Berlin (Reuters) - Die Zahl der von Streiks begleiteten Tarifkonflikte hat im vergangenen Jahr ein Rekordhoch erreicht.
Das gewerkschaftsnahe WSI registrierte 312 Arbeitskämpfe, wie das Forschungsinstitut der Hans-Böckler-Stiftung am Donnerstag mitteilte. Dies sei der höchste Wert der seit 2006 geführten Arbeitskampfbilanz. Mehr als 10.000 Arbeitsniederlegungen hätten zum Ausfall von über 1,5 Millionen Arbeitstagen geführt. Das Arbeitskampfvolumen habe sich damit im Vergleich zu 2022 (674.000 Ausfalltage) mehr als verdoppelt. Noch mehr Ausfalltage hatte es zuletzt 2015 gegeben.
Auch 2024 dürfte nach Einschätzung des WSI mit hoher Wahrscheinlichkeit "eher ein arbeitskampfintensives Jahr werden". Ob dabei das Jahr 2023 noch übertroffen werde, sei noch offen. Viel werde vom Verlauf der im September beginnenden Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie abhängen. Anfang 2024 hatte sich mit mehrtägigen Streiks der Lokführer bei der Deutschen Bahn sowie Arbeitskämpfen im öffentlichen Nahverkehr und beim Bodenpersonal der Lufthansa zeitweise der Eindruck aufgedrängt, Deutschland befinde sich in einem Dauerstreik.
Im internationalen Vergleich bewegt sich Deutschland laut WSI aber unverändert im unteren Mittelfeld. In Ländern wie Belgien, Frankreich, Finnland, Kanada oder Dänemark sei das relative Arbeitskampfvolumen um ein Mehrfaches höher. So seien pro 1000 Beschäftigte im mehrjährigen Mittel in Belgien 103 Arbeitstage pro 1000 Beschäftigte ausgefallen, in Kanada 83 und in Dänemark 53. In Deutschland seien es 18 Tage.
Die Tarifkonflikte wurden 2023 vor allem vom Ringen um deutliche Lohnerhöhungen getrieben. Die außergewöhnlich hohe Inflation und dadurch verursachte Reallohnverluste hätten "eine Konstellation vorgegeben, die für die Tarifverhandlungen im Jahr 2023 auf eine besonders hohe Konfliktintensität hindeutete", erklärte das WSI. Hinzu komme eine Situation, "in der die demografische Entwicklung in vielen Bereichen die Position von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen stärke".
(Bericht von Holger Hansen; Redigiert von Hans Busemann; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)