Zehntausende Auto-Jobs gefährdet - Verband ruft Politik zu Hilfe

Berlin (Reuters) - Angesichts eines drohenden massiven Arbeitsplatzabbaus in der Autoindustrie fordert der Branchenverband VDA die Politik zu rascher Unterstützung auf.
"Wir brauchen jetzt Standortpolitik", sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller am Dienstag bei der Vorstellung einer Prognos-Studie, wonach wegen des Wandels hin zur Elektromobilität bis 2035 weitere 140.000 Arbeitsplätze in der Branche wegfallen könnten. "Eine gewählte Regierung muss ihre Aufgabe auch wahrnehmen." Derzeit hielten sich Unternehmen wegen des starken internationalen Wettbewerbs mit Investitionen zurück, sagte Müller. "Ein verlorenes Jahr bis zur Bundestagswahl können wir uns nicht leisten."
Allein in den vergangenen Monaten kündigten eine Reihe von Unternehmen einen Stellenabbau an. Bei Volkswagen stehen nach Betriebsratsangaben mindestens drei Werke auf der Kippe, zehntausende Arbeitsplätze könnten wegfallen. Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen will bis 2028 jeden vierten der 54.000 Arbeitsplätze in Deutschland abbauen, auch bei Bosch und Continental fallen Jobs weg. Einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zufolge plant mehr als die Hälfte der Betriebe in der Branche einen Personalabbau, nur sieben Prozent rechnen mit mehr Beschäftigung. Mehr als die Hälfte der Hersteller von Kfz-Teilen und Zubehör sehen demnach Hemmnisse in der Unternehmensfinanzierung - von Forderungsausfällen bis zu Liquiditätsengpässen.
DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sagte in Berlin, in gewisser Weise sei Volkswagen das Symbol für die Strukturkrise in Deutschland. Die Transformation hin zur Elektromobilität sei kein Sonntagsspaziergang. "Wir sind da voll in der Realität angekommen." Jobs könnten aber nur erhalten werden, wenn die Kunden bestellten und auch ihre Rechnungen bezahlten. Der Kanzler könne nicht fehlende Bestellungen ausgleichen.
INDUSTRIEGIPFEL BEIM KANZLER
Bundeskanzler Olaf Scholz hat für Dienstag zu einem Industriegipfel geladen, an dem auch unter anderem Volkswagen-Chef Oliver Blume teilnimmt. "Wir erhoffen uns konstruktive Beratungen, an deren Ende konkrete Maßnahmen stehen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland fördern und die Rahmenbedingungen für den Hochlauf der E-Mobilität verbessern", erklärte ein VW-Sprecher. Auch Vertreter anderer Autobauer nehmen teil. Müller dämpfte jedoch die Erwartungen an das Treffen: "Konkrete Ergebnisse wird es bei dem Gipfel nicht geben." Finanzminister Christian Lindner (FDP) hat zu einem separaten Treffen mit Wirtschaftsverbänden geladen. SPD, Grüne und FDP wollen in der Wirtschaftspolitik jeweils ganz andere Schwerpunkte setzen.
Die Autobranche steckt derzeit mitten im Umbau. Bis 2035 sei mit einem Abbau von fast 190.000 Stellen verglichen mit 2019 zu rechnen, davon seien etwa 46.000 Arbeitsplätze bereits gestrichen, wie aus der Prognos-Studie hervorgeht. Dieser Arbeitsplatzabbau sei nicht Ausdruck einer Krise, sondern ein Teil der Transformation, sagte Müller. Betroffen seien zahlreiche Berufe, etwa in der Metallbearbeitung oder im Maschinenbau. Gefährdet seien hier insbesondere Jobs bei Zulieferern, die sich auf das Geschäft mit Verbrennerautos konzentrierten. Neue Stellen würden dagegen etwa in der Elektrotechnik oder in der Kunststoffverarbeitung geschaffen, viele davon bei Herstellern.
Derzeit werde immer deutlicher, dass Europa und Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit einbüßten, sagte Müller. Immer mehr Unternehmen verschöben eigentlich geplante Investitionen in Deutschland oder strichen sie ganz. Mehr als jedes dritte Unternehmen plane eine Investitionsverlagerung ins Ausland. "Positive Standortsignale sind jetzt entscheidend, um zu zeigen, dass hier nicht nur die perfekte Vergangenheit war, sondern auch Neues entstehen kann."
(Bericht von Christina Amann, Christian Krämer, redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter Berlin.Newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder Frankfurt.Newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)