Israels Invasionen im Nachbarland Libanon

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Beirut (Reuters) - Nach über einem Jahr heftiger gegenseitiger Angriffe haben sich die radikale Hisbollah-Miliz und Israel auf eine Waffenruhe im Libanon verständigt.

Sie trat am Mittwoch um 04.00 Uhr libanesischer Zeit (03.00 Uhr MEZ) in Kraft, gilt für 60 Tage und soll in einen längeren Waffenstillstand münden.

Der Konflikt zwischen Israel und seinem Nachbarland im Norden reicht weit zurück und begann schon lange vor der Gründung der Hisbollah durch die iranische Revolutionsgarde im Jahr 1982. Er eskalierte durch fortwährende und immer massivere gegenseitige Luftangriffe und die gezielte Tötung des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah durch das israelische Militär Ende September 2024. Im Folgenden ein Abriss der israelischen Invasionen im Libanon:

1948

Der Libanon kämpft an der Seite anderer arabischer Länder gegen den neu entstehenden Staat Israel. Rund 100.000 Palästinenser, die während des Krieges aus dem ehemals von Großbritannien beherrschten Palästina geflohen sind oder vertrieben wurden, kommen als Flüchtlinge in den Libanon. 1949 einigen sich der Libanon und Israel auf einen Waffenstillstand.

1968

Als Reaktion auf einen Angriff palästinensischer Untergrundkämpfer auf ein israelisches Verkehrsflugzeug zerstören israelische Kommandos auf dem Flughafen der Hauptstadt Beirut ein Dutzend Passagierflugzeuge.

Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) zieht zwei Jahre nach ihrer Vertreibung aus Jordanien in den Libanon ab. Es kommt zu weiteren Auseinandersetzungen über die Grenze zwischen dem Libanon und Israel hinweg.

1973

Verkleidete israelische Spezialkräfte erschießen in Beirut drei Anführer der palästinensischen Untergrundkämpfer. Sie üben Vergeltung für das Attentat palästinensischer Extremisten auf das Quartier der israelischen Mannschaft bei den Olympischen Spielen am 5. September 1972 in München. Damals wurden elf der 14 israelischen Olympia-Teilnehmer getötet.

In den 1970er Jahren intensivieren sich die Angriffe der palästinensischen Untergrundkämpfer auf Israel und die militärische Vergeltung Israels gegen Ziele im Libanon. Viele Libanesen fliehen aus dem Süden ihres Landes.

Im Libanon verschärfen sich die konfessionellen Spannungen. Es kommt zu einem Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Gruppen in wechselnden Bündnissen, der von 1975 bis 1990 dauert. Hier kommt die Vielfalt der Bevölkerung zum Tragen: Im Libanon, der bis 1943 unter französischem Mandat stand, leben sunnitische und schiitische Muslime, Drusen, orthodoxe und maronitische Christen. Dies spiegelt sich in der politischen Macht wider.

1978

Israels Militär marschiert in den Südlibanon ein und richtet im Rahmen eines Einsatzes gegen palästinensische Untergrundkämpfer eine schmale Besatzungszone ein. Vorausgegangen war ein palästinensischer Angriff in der Nähe von Tel Aviv. Im Südlibanon unterstützt Israel eine lokale christliche libanesische Miliz, die Südlibanonarmee (SLA), mit Geld, Waffen und Munition. Diese 1976 gegründete Miliz kollaboriert mit Israel während dessen Besetzung des Südlibanons.

1982

Israel marschiert in einer Offensive im Libanon bis Beirut. Ein wechselseitiger Beschuss über die gemeinsame Grenze hinweg folgt. Dieser Libanon-Krieg im Jahr 1982 findet vor dem Hintergrund des libanesischen Bürgerkrieges statt.

Tausende palästinensische Kämpfer werden nach einer zehnwöchigen Belagerung Beiruts über das Meer in Sicherheit gebracht. Der Westen der libanesischen Hauptstadt wird von der israelischen Luftwaffe massiv bombardiert.

Hunderte Zivilisten werden in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im Süden Beiruts von christlichen Milizionären massakriert. Israels Truppen hatten den Milizionären den Zutritt gestattet, nachdem der neu gewählte maronitisch-katholische Präsident des Libanons durch eine Autobombe getötet worden war.

Um der israelischen Invasion entgegenzuwirken, gründet die iranische Revolutionsgarde im Libanon die schiitische bewaffnete Gruppe Hisbollah.

1985

Israel zog sich 1983 aus dem Zentrallibanon zurück, behielt aber seine Truppen im Süden des Nachbarlandes. Es errichtete eine formelle und etwa 15 Kilometer breite Besatzungszone im Südlibanon. Dieses Gebiet kontrolliert Israel nun gemeinsam mit der verbündeten Südlibanesischen Armee. Die Hisbollah führt einen Guerillakrieg gegen die israelischen Streitkräfte.

1993

Im Juli startet Israel einen einwöchigen Angriff seiner Streitkräfte auf den Libanon. Israel erklärt, das Ziel sei ein direkter Angriff auf die Hisbollah, um es ihr zu erschweren, den Südlibanon als Basis für Attacken auf Israel zu nutzen. Zudem soll die libanesische Regierung zum Einschreiten gegen die Gruppe gedrängt werden.

1996

Während die Hisbollah immer wieder israelische Streitkräfte im Süden des Libanons angreift und Raketen auf den Norden Israels abfeuert, startet Israel die 17-tägige Offensive "Operation Früchte des Zorns". Dabei werden im Libanon mehr als 200 Menschen getötet. 102 Menschen sterben bei einem Angriff Israels auf eine UN-Basis in der Nähe des südlibanesischen Dorfes Kana.

2000

Nach anhaltenden Angriffen der Hisbollah auf israelische Militärstellungen im besetzten libanesischen Gebiet zieht sich Israel aus dem Südlibanon zurück. Damit endet die 22-jährige israelische Besatzung. Die Hisbollah kann diesen Abzug auch in der libanesischen Bevölkerung als ihren Erfolg verbuchen.

2006

Im Juli überqueren Hisbollah-Kämpfer die Grenze nach Israel. Sie entführen zwei israelische Soldaten und töten weitere. Daraufhin bricht ein fünf Wochen dauernder Krieg aus, in dessen Verlauf Israel schwere Angriffe auf Hisbollah-Hochburgen und die nationale Infrastruktur des Libanons verübt.

Während israelische Bodentruppen in den Südlibanon vorrücken, wird der Konflikt größtenteils durch israelische Luftangriffe und Raketenbeschuss der Hisbollah ausgetragen. Er endet, ohne dass Israel seine militärischen Ziele erreicht hätte. Die Hisbollah spricht von einem "göttlichen Sieg". Mindestens 1200 Menschen im Libanon, überwiegend Zivilisten, und 158 Israelis, überwiegend Soldaten, werden getötet.

2024

Die mit der radikalen Palästinenserorganisation Hamas verbündete Hisbollah greift im Zuge des Krieges im Gazastreifen immer wieder Ziele in Israel an. Das israelische Militär beschießt Stellungen der Miliz im Libanon - nicht nur im Süden des Landes, wo diese besonders stark ist, sondern auch im Osten und in Beirut und seinen Vororten.

Am 28. September teilt die Hisbollah mit, ihr seit 1992 amtierender Generalsekretär Hassan Nasrallah sei von Israel getötet worden. Das israelische Militär erklärte zuvor, Nasrallah sei am 27. September bei einem Luftangriff auf Beirut "eliminiert" worden. Es ist ein schwerer Schlag für die Miliz, die aber eine rasche Nachfolge ankündigt.

In der Nacht zum 1. Oktober beginnt das israelische Militär den Angriff auf den Süden des Libanons auch mit Bodentruppen. Es handele sich um "örtlich begrenzte und gezielte Bodenangriffe" gegen Hisbollah-Kräfte in grenznahen Dörfern, die "eine unmittelbare Bedrohung für israelische Gemeinden im Norden Israels" darstellten, teilt das Militär mit. Die Bodentruppen würden von Luftwaffe und Artillerie mit "präzisen Schlägen" unterstützt. Es kommt zu Gefechten zwischen beiden Seiten. Zugleich greift Israels Luftwaffe massiv Beirut und seine Vororte an.

Seit dem frühen Morgen des 27. November gilt eine Waffenruhe zwischen Hisbollah und Israel. Vermittelt haben sie die USA, der engste Verbündete Israels, und Frankreich, das traditionell enge Beziehungen zum Libanon unterhält. In den kommenden 60 Tagen soll die libanesische Armee wieder vollständige Kontrolle über das eigene Territorium ergreifen. Das Verteidigungsministerium in Beirut kündigt an, bis zu 10.000 Soldaten würden im Südlibanon stationiert. Von dort soll die israelische Armee schrittweise abziehen. Die Hisbollah soll ihre Kämpfer in das Gebiet nördlich des Litanis zurückziehen, der etwa 30 Kilometer von der Grenze zu Israel entfernt fließt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärt: "Wir werden das Abkommen durchsetzen und entschieden auf jede Verletzung antworten."

(Zusammengestelt von Sabine Ehrhardt, Tom Perry, redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)

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