"Reger Goldhandel" befeuert deutsche Exporte nach Großbritannien

Berlin (Reuters) - Die deutschen Exportgeschäfte mit Großbritannien wachsen so stark wie mit keinem anderen der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) - vor allem dank eines florierenden Goldhandels.
Die Ausfuhren legten von Januar bis Oktober um 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf rund 67,6 Milliarden Euro zu, wie aus vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamts hervorgeht, die die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag ausgewertet hat. Zum Vergleich: Die gesamten deutschen Exporte schrumpften in diesem Zeitraum um 1,2 Prozent - darunter die nach China, Indien, Frankreich und Italien. Mit der starken Nachfrage aus dem Vereinigten Königreich können selbst die boomenden USA nicht mithalten: Die Exporte dorthin legten mit 2,4 Prozent nicht einmal halb so stark zu.
"Trigger für das starke Wachstum ist der rege Goldhandel in diesem Jahr", sagte der Direktor der bundeseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft Germany Trade and Invest (GTAI) in London, Marc Lehnfeld. Dem Statistischen Bundesamt zufolge legten diese von Januar bis September um fast das Dreieinhalbfache auf knapp fünf Milliarden Euro zu. "London ist der weltweit wichtigste Handelsplatz für Gold", erklärte Lehnfeld. "Mit der weltweiten Goldpreisrallye sind folglich auch die deutschen Goldexporte nach UK stark gestiegen." Das Königreich sei das wichtigste Zielland deutscher Goldexporte.
"GIBT NICHT NUR SCHLECHTE NACHRICHTEN"
Ohne diesen Boom wären die deutschen Ausfuhren auf die Insel in den ersten drei Quartalen leicht gefallen, sagte Lehnfeld. "Das liegt auch am wichtigsten deutsch-britischen Handelsgut, dem Pkw", sagte der Experte. Die deutschen Pkw-Exporte auf die britische Insel würden bislang um 2,5 Prozent unter dem Niveau der Vorjahresperiode liegen, obwohl die britischen Neuwagenregistrierungen in diesem Zeitraum um 4,3 Prozent zugelegt hätten. "Möglicherweise profitieren deutsche Pkw-Exporte weniger vom elektromobilen Wandel im britischen Automobilmarkt", sagte der GTAI-Experte.
"Es gibt aber nicht nur schlechte Nachrichten im deutschen Export nach UK", fügte er hinzu. So seien zum Beispiel die Pharmaexporte um zehn Prozent, die Lebensmittelausfuhren um 5,2 Prozent und die Maschinenlieferungen um 3,3 Prozent gestiegen. Ein Grund dafür sei "die Normalisierung des deutsch-britischen Handels nach Corona und Brexit", erklärte der Geschäftsführer der Deutsch-Britischen Auslandshandelskammer (AHK), Ulrich Hoppe. "Zum anderen hat auch das leicht positive Wirtschaftswachstum in Großbritannien einen Einfluss." Die britischen Konsumenten hätten wieder mehr Geld in der Tasche. Deutsche Produkte und Technologie stünden auf der Insel seit jeher hoch im Kurs.
Die deutschen Exporte nach Großbritannien dürften 2024 das dritte Jahr in Folge zulegen, nachdem es seit dem Jahr des Brexit-Entscheids 2016 zunächst kontinuierlich bergab gegangen war. 2015 hatten die Ausfuhren dorthin mit 89 Milliarden Euro einen Rekordwert erreicht, der aber auch in diesem Jahr verfehlt werden dürfte. Am 1. Januar 2021 trat ein zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich ausgehandelter Partnerschaftsvertrag in Kraft. Mit dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion wurde der Brexit endgültig vollzogen.
(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Sabine Wollrab - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)