Der digitale Euro: Chancen und Risiken für Anleger

Bernd Schmid

Digitale Zentralbankwährungen werden kommen. Ich wette, sogar schneller, als die meisten erwarten. Die EZB-Chefin Christine Lagarde bereitet uns schon darauf vor.

Der digitale Euro: Chancen und Risiken für Anleger

Ein digitaler Euro wird Vor- und Nachteile mit sich bringen. Die meisten Vorteile werden wohl die Währungshüter selbst haben. Aber auch als Anleger kann man profitieren, wenn man sich mit den Risiken sowie den sich ergebenden Chancen einer digitalen Währung beschäftigt.

Der nächste Schritt zur Abschaffung des Bargelds

„Ein digitaler Euro könnte eine Ergänzung, aber kein Ersatz für Bargeld sein.“

Dieser Satz von Lagarde soll wahrscheinlich beruhigen. Ich würde ihn auf dieselbe Stufe heben wie zum Beispiel die folgenden Sätze anderer einflussreicher Politiker:

-„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ – Walter Ulbricht, 1961

-„Ich habe Minister Connally angewiesen, die Umwandlung des Dollars in Gold vorübergehend auszusetzen.“ – Richard Nixon, 1971

-„Es wird keine Vergemeinschaftung von Schulden geben, solange ich lebe.“ – Angela Merkel, 2012

Für mich ist daher die eigentliche Frage nicht, ob das Bargeld abgeschafft wird, sondern wann. Was für mich hingegen außer Frage steht, ist, dass die Auswirkungen auf unser Leben ähnlich gravierend sein werden, wie die oben erwähnten, nicht gehaltenen Versprechen.

Was ein digitaler Euro verändern könnte

Schon die Geldpolitik der letzten Jahre macht unseren Banken gehörig zu schaffen. Sie haben kaum mehr Chancen, mit ihrem eigentlichen Geschäft (dem Kreditgeschäft) Geld zu verdienen. Mit einem digitalen Euro würde das noch einmal auf eine andere Ebene gehoben werden.

Zunächst einmal stünde dann noch höheren bzw. noch direkteren Negativzinsen nichts mehr im Wege. Im Moment hat man als Sparer ja noch die Möglichkeit, ins Bargeld zu flüchten. Alleine deswegen fällt es den Banken schwer, die Negativzinsen der Zentralbank an ihre Kunden weiterzugeben. Das hindert die Zentralbank wiederum, noch negativer zu gehen, weil sie die Zerstörung des Bankensystems offensichtlich direkt beschleunigen würde.

Gäbe es die Zuflucht in das Bargeld nicht mehr, sähe das anders aus, da die Banken die Negativzinsen direkt weitergeben könnten.

Aber soweit muss es gar nicht kommen, geht es nach dem ehemaligen Hedgefonds-Manager Raoul Pal. Er argumentiert, dass man die Banken bis dahin schon gar nicht mehr braucht. Warum sollte nicht jeder von uns und jedes Unternehmen direkt ein Konto bei der Zentralbank bekommen?

Das wäre wunderbar für die Zentralbanken. So könnte die EZB neu geschaffenes Geld viel zielorientierter an den Mann und die Frau bringen. Jetzt in der Coronakrise könnten zum Beispiel alle Restaurantbesitzer direkt von der EZB für die Verluste aufgrund der von den Regierungen beschlossenen Maßnahmen entschädigt werden. Auch das bedingungslose Grundeinkommen wäre so ganz einfach einführbar, ohne dass die Staaten dafür neue Kredite aufnehmen müssten.

Wäre das nicht wunderbar?

Auf den ersten Blick klingt das sogar gut. Und sicherlich hätte dies gewisse Vorteile. Aber wer würde sicherstellen, dass die Stabilität des Geldsystems nicht gefährdet würde? Wenn man sich anschaut, wie effektiv die Geldpolitik der Zentralbanken in den letzten 12 Jahren war, dann bin ich nicht sicher, ob all die Macht in den Händen dieser Leute eine gute Idee für unser Geld wäre.

Eine weitere Konsequenz wäre, dass man mit einem solchen System die totale Überwachung der Kapitalflüsse ermöglichen würde. Es wäre ein Einfaches festzustellen, wie jeder einzelne Euro von uns ausgegeben würde. Auch dies hat Vor- und Nachteile. Unter anderem wäre die Besteuerung viel einfacher durchzuführen als im Moment.

Die Chancen und Risiken für Anleger

Der digitale Euro ist für mich vor allem eines: der Tod des Bankensystems, wie wir es heute kennen. Als Anleger würde ich mir heute deswegen zweimal überlegen, ob ich Bankaktien in meinem Portfolio halten würde, egal wie günstig sie erscheinen mögen.

Oder man sieht die Kehrseite dieser Medaille als Chancen und versucht Geld mit dieser Aussicht zu verdienen - zum Beispiel durch den Leerverkauf von Bankaktien. Das ist allerdings ein risikoreiches Vorhaben und nur für sehr erfahrene Anleger geeignet.

Was auf jeden Fall klar ist: Ende 2019 besaßen wir Deutschen laut statista Bargeld und Einlagen in Höhe von fast 1,8 Billionen Euro. Dieses Vermögen würde noch viel unattraktiver werden, als es heute bereits ist. Geld als Wertspeicher wird spätestens dann ausgedient haben. Nur: Wo soll es hingehen?

Eine Alternative sind natürlich Aktien. Immerhin beteiligt man sich mit diesen direkt am Produktivvermögen der jeweiligen Wirtschaft. Wenn man dann noch in die richtigen Aktien investiert, umso besser. Besonders dann, wenn es tatsächlich zu einem bedingungslosen Grundeinkommen in irgendeiner Form kommt. Dieses „kostenlose“ Geld würde sicherlich den Konsum antreiben und damit die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen, die diese Unternehmen anbieten.

Aber selbst wenn der durchschnittliche deutsche Haushalt dann deutlich mehr Aktien besitzen wird, als er es heute tut: Als Bargeldersatz sind Aktien wohl trotzdem keine gute Lösung.

Die Wertspeicherfunktion, die der Euro für viele von uns selbst heute noch übernimmt, könnte dann von Edelmetallen übernommen werden. Besonders Gold hat sich als Wertspeicher bereits über viele Jahrtausende bewährt. Das könnte in den kommenden Jahren wieder wichtiger werden.

Aber noch spannender wird es für mich, wenn wir im digitalen Bereich bleiben - nämlich bei den Kryptowährungen. Diese sind heute noch nicht sehr verbreitet, insbesondere nicht als Zahlungsmittel. Aber besonders Bitcoin erlebt aktuell eine Renaissance - für mich ein starkes Indiz, dass Kryptowährungen kein vorübergehendes Phänomen waren, sondern gekommen sind, um zu bleiben.

Ob es Bitcoin an sich am Ende wird, das ist sicherlich noch nicht abzusehen. Beziehungsweise ist Bitcoin in seiner heutigen Form auf keinen Fall als Zahlungsmittel geeignet, dafür ist das Netzwerk viel zu langsam und zu teuer. Und auch viel zu transparent, da jede jemals mit Bitcoin durchgeführte Transaktion für immer für die ganze Menschheit nachvollziehbar bleiben wird.

Bitcoin wäre aus meiner Sicht daher zwar ein ganz guter digitaler Goldersatz. Als Ersatz von Bargeld im Zahlungsverkehr käme es nicht in Frage. Allerdings muss es auch nicht Bitcoin sein. Es gibt heute bereits andere digitale Währungen, die noch viel geeigneter wären. Monero zum Beispiel.

Monero hätte nicht nur den Vorteil, dass das Netzwerk viel schneller ist als das Bitcoin-Netzwerk. Es ist darüber hinaus auch noch vollständig anonym. Wer sich also gestern eine Packung Gummibärchen mit Monero gekauft hat, der muss sich heute keine Sorgen darüber machen, dass die Frau oder der Mann das herausfindet und mit einem schimpft.

Fazit

Der digitale Euro wird kommen. Und er wird auch das Ende des Bargelds bedeuten können. Das ist fast so sicher wie das Amen in der Kirche.

Er wird auch das Ende des Bankensystems bedeuten können, wie wir es heute kennen. Bankaktien gehören für mich daher zu den am wenigsten attraktiven Investitionen heute. Aktien im Allgemeinen sind für mich trotzdem weiterhin ein Muss für Anleger. Besonders, wenn sich die EZB die neuen Möglichkeiten der Geldschöpfung zu Nutze machen wird.

Bargeld in Fiatwährung wird hingegen so unattraktiv wie noch nie. Ich denke, dass sich die Menschen nach besseren Alternativen umschauen werden. Fündig wird man bei Gold und Kryptowährungen als Wertspeicher- und Zahlungsmittelersatz.

Foto: DestroLove / Shutterstock.com

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Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist Chefanalyst von The Motley Fool Deutschland und leitet den Newsletter Stock Advisor Deutschland mit dem Ziel, langfristig orientierten Anlegern zu helfen überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und bessere Anleger zu werden.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid ist CFA Charterholder, besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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26.11.2020, 21:54, Deutsche Bank Indikation

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