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Die Börse benimmt sich oft wie ein Alkoholiker

onvista

Die Stimmung internationaler Investoren ist schlecht, doch die Börsenkurse an der Wall Street sind auf Rekordjagd. Warum? Eine alte Börsenweisheit liefert die Erklärung.

Die Börse benimmt sich oft wie ein Alkoholiker

Ob an der Wall Street in den vergangenen Tagen der ein oder andere Champagner-Korken geknallt hat? Gut möglich. Schließlich hat der S&P 500 ein neues Rekordhoch erreicht. Und der Dow Jones ist nicht mehr weit davon entfernt. Auch in Europa steigen die Aktienkurse. Der Dax hat die Marke von 12.000 Punkten zurückerobert und auch der Euro Stoxx 50 klettert. Eigentlich müsste auf dem Börsenparkett also Champagner-Laune herrschen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Internationale Investoren sind so pessimistisch wie zuletzt in Zeiten der Finanzkrise. Das zeigt eine Umfrage von Bank of America Merrill Lynch unter 179 professionellen Portfoliomanagern, die insgesamt 530 Milliarden Dollar verwalten.

Schlechte Stimmung und steigende Kurse – wie kann das sein? Der legendäre Börsenaltmeister André Kostolany sagte einst: „Die Börse benimmt sich oft wie ein Alkoholiker: Bei guten Nachrichten weint sie, bei schlechten lacht sie.“ Angesichts der vielen Konflikte, Krisen und der daraus resultierenden Sorgen um das Wirtschaftswachstum weltweit scheint die Börse auch derzeit „betrunken“ zu sein. „Manchmal verhalten sich die Kurse scheinbar paradox: Sie springen bei schlechten Nachrichten kurz nach oben oder fallen bei guten Nachrichten“, beobachtet auch Christian Kahler, Chefanlagestratege der DZ Bank. Dies dauere jedoch meist nur wenige Minuten, in denen Trader ihre kurzfristigen Absicherungsgeschäfte mittels Derivate auflösen müssten, zum Beispiel sobald wichtige volkswirtschaftliche Daten wie der monatliche Arbeitsmarktbericht veröffentlicht würden. „Gelegentlich sind auch längerfristige Kursreaktionen zu beobachten, die in der breiten Öffentlichkeit für Verwirrung sorgen“, ergänzt er. Beispielsweise klettern die Kurse, wenn die Arbeitslosigkeit ansteigt. Das liegt dann daran, dass die Märkte schon einen Schritt weiterdenken und im konkreten Fall darauf setzen, dass die Notenbanken oder der Staat die Konjunktur zukünftig stützen werden - was wiederum positiv für die Aktienmärkte wäre.

Setzen die Anleger also aktuell darauf, dass die Notenbanken es schon richten werden? Es scheint so. Die Signale der amerikanischen Fed, die Geldpolitik wohl weiter zu lockern und die US-Wirtschaft so zu unterstützen, haben die Börsen beflügelt – nicht nur in den USA. Trotzdem sind die institutionellen Investoren skeptisch. Dafür nennen sie in der Umfrage von Bank of America Merrill Lynch mehrere Gründe. Als größtes Risiko empfinden sie den Handelsstreit zwischen den USA und China, der immer weiter zu eskalieren droht. Außerdem beunruhigen die Anlageprofis der Brexit, der Konflikt zwischen den USA und dem Iran sowie die innenpolitische Lage in der Türkei. Da wundert es wenig, dass die Sorgen um die Folgen für das Weltwirtschaftswachstum immer größer werden.

Die Umfrage hat Merrill Lynch allerdings in der vergangenen Woche gemacht und damit vor der Sitzung der US-Notenbank und vor der Rede von EZB-Präsident Mario Draghi. Ob das die Stimmung verändert hat? Im Grund hat die Fed geliefert, was der Markt erwartet hatte: noch keine Zinserhöhung, aber die Vorbereitung darauf. Draghi mag in der Deutlichkeit seiner Aussage ein wenig überrascht haben, aber auch ein beherztes Eingreifen der EZB im Falle einer Verschlechterung der Wirtschaftsdaten wird von Marktteilnehmern erwartet. Auch das zeigt, wie groß die Sorge um die Weltwirtschaft ist. Und sie ist berechtigt.

Doch die Party an den Märkten geht weiter. „In der Regel verhalten sich die Börsenkurse aber nur über kurze Zeitphasen, sprich für ein paar Stunden oder Tage, unlogisch“, sagt

Kapitalmarktexperte Kahler. Droht der Absturz? „Lediglich an extremen Punkten fallen die Kurse stärker.“ Historisch betrachtet sinken Dax und Euro Stoxx alle vier Jahre um 30 Prozent oder mehr - zuletzt haben Anleger das im vierten Quartal 2018 erlebt. „Die Überreaktionen stammen daher, dass die meisten Anleger mit der Masse schwimmen“, ergänzt er. „Profianleger dürfen hingegen in den Fonds ihre sogenannten Risikopuffer nicht ausreizen und müssen gegebenenfalls vorher verkaufen.“ Das haben sie scheinbar auch bereits getan. Die von Bank of America Merrill Lynch befragten Investoren haben Aktien in ihren Portfolios untergewichtet. Ihre Aktienquoten sind so niedrig wie zuletzt im März 2009, also mitten in der Finanzkrise.

Folgt auf den Champagner-Rausch der Kater?

Damals hatten die Aktienbarometer an der Wall Street und in Europa übrigens ihr Krisentief erreicht. Kurs darauf begann die jahrelange Börsenrally. Aktienanleger können mit der Kursentwicklung der vergangenen Jahre zufrieden sein. Die Unternehmensgewinne sind weltweit gestiegen. Die Investoren haben eine hohe Rendite Kapital erzielt. „Doch die kommenden zwölf bis 18 Monate könnten rauer werden, als es Anleger in den zurückliegenden Jahren gewöhnt waren“, sagt Christian Kahler, Chefanlagestratege der DZ Bank. Der Grund: Insbesondere die Konjunktur in den USA dürfte stärker an Fahrt verlieren. Auch in Europa und Deutschland läuft die wirtschaftliche Entwicklung schon seit längerem nicht mehr auf vollen Touren.

„Selbst wenn die US-Notenbank voraussichtlich 2019 mit Zinssenkungen auf den Konjunkturabschwung reagieren wird, ist bereits heute absehbar, dass unsere Konjunkturprognosen für das Wachstum in den USA, der EU und China infolge der zunehmenden Handelsbelastungen nicht mehr haltbar sind.“ Sollte der Welthandel - nicht zuletzt, weil die US-Zölle auf chinesische Importe in nächster Zeit ausgeweitet werden - für eine Weile stagnieren oder sogar schrumpfen, sei auch die von der DZ Bank erwartete Erholung der Gewinne der Dax-Unternehmen passé. Oder um es mit Börsenaltmeister Kostolany zu sagen: Auf den Champagner-Rausch könnte als sehr bald der Kater folgen.

Autorin: Jessica Schwarzer

Titelfoto: Everett Collection / Shutterstock.com

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