Drei Fragen an Bernecker: Wie bewerten Sie die Fed-Sitzung, hat der europäische Sektor jetzt gegenüber der Wall Street die Nase vorn und sind das Einkaufspreise bei Netflix?

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)

In unserer heutigen Ausgabe fragen wir nach einer Einschätzung zum Fed-Entscheid, ob der europäische Sektor nun gegenüber der Wall Street die Nase vorn hat und ob bei Netflix nun Einkaufspreise zu sehen sind.

onvista-Redaktion: Die Fed hat gesprochen und wie vom Markt erwartet entschieden, auch wenn Notenbankchef Powell mit manchen Aussagen dennoch für Unruhe gesorgt hat. Ihre Einschätzung?

Der Fahrplan der Fed ist überschaubar. Die Rückführung der Bilanzsumme bedeutet eine Reduzierung der Liquiditätsversorgung im Umfang von 1,7 bis max. 2 Bio. Dollar pro Jahr. Das wirkt wie eine Bremse, keine Umkehr, aber die Wirkung auf Anleihen und Aktien ist erkennbar. Die T-Bond-Rendite erreichte bereits 1,90 % und tendiert in Richtung 2,2 bis 2,4 % im Laufe der nächsten Monate. Ein Rückblick auf 2004/2008 lohnt: Damals erhöhte die Fed ihre Zinsen in den bekannten 17 kleinen Schritten um jeweils 0,25 %. Der S&P 500 begleitete dies in der gleichen Zeit mit einer Gesamtperformance von rd. 30 %. Damit ist die Tendenz erkennbar und das Potenzial ebenfalls.

onvista-Redaktion: Europäische Aktien zeigen im derzeitig schwierigen Marktumfeld eine relative Stärke zur Wall Street – wird das eine Zeit lang so bleiben oder holen die US-Werte bei einer Markterholung schnell wieder den ersten Platz?

Der amerikanische Markt ist der größte der Welt und der wichtigste Trendindikator für alle anderen. Das ist nicht zu ändern. Allein die Techszene erreichte ein Volumen um 15 bis 18 Bio. Dollar. Niemand kommt im Entferntesten an dieses Gewicht heran. In der beschriebenen Geldpolitik der Fed steckt lediglich ein Favoritenwechsel. Die Techs benötigen eine deutliche Korrektur bis zum Normalfall und alle anderen folgen in ihren Potenzialen den normalen Bedingungen des Marktes, von Branche zu Branche verschieden, orientiert an den Bewertungen oder auch besonderen Leistungen des Managements. In diesem Trend werden Supergewinne wie in den letzten zwei Jahren aus bekanntem Grund selten sein. Dann macht es die Breite der verschiedenen Varianten.

Die Europäer orientieren sich weiterhin an der Wall Street. Kleine Ausnahmen gehören dazu. Z.B. die französische Luxusindustrie oder die italienische Modeindustrie und vielleicht auch die deutsche E-Mobility, aber jeweils als sehr eigenständige Entwicklung ohne breiten Rahmen. Die Klimaziele sind alle ehrgeizig gedacht, aber nur langfristig umzusetzen und kosten viel Geld. Daran erfreuen sich alle, aber wenige verdienen in diesem Trend wirklich Geld. Damit sind die Fantasien deutlich begrenzt.

onvista-Redaktion: Netflix wurde nach den Zahlen von den Anlegern durchgereicht – die Aktie musste in kurzer Zeit ein Minus von 40 Prozent verkraften. Sind das Einkaufspreise oder besteht noch mehr Abwärtspotenzial?

Netflix war in den letzten Jahren eine super Story. Besonders begünstigt vom Lockdown weltweit. Daraus wurde eine 7- bis 8-fache Umsatzbewertung, die schlicht überzogen ist. Was sind rd. 35 Mrd. Dollar Jahresumsatz wert? Ganz gewiss nicht rd. 200 Mrd. Dollar und ein KGV irgendwo über 35. Eine Halbierung ist deshalb angesagt und dann kann man schon mit Vergleichen beginnen, etwa mit Disney, die in einer ähnlichen Situation stecken oder den kleineren Streaming-Adressen wie Spotify in Europa oder auch Amazon als drittem großen Konkurrenten. Klar ist damit: Die Geschäfte gehen in Ordnung, nur die Bewertung war überzogen. Ist dies beendet, sind neue Investments vertretbar.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

Foto: Bernecker

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