Kutzers Zwischenruf: Deutsche Sparer entdecken die Aktie – endlich!

Hermann Kutzer

Starke Kursschwankungen und erst recht ein Börsencrash wirken auf unerfahrene Privatanleger abschreckend. Deshalb musste man im erst ersten Quartal dieses Jahres Schlimmes für die in Deutschland ohnedies beklagenswert unterentwickelte Aktienkultur befürchten. Überraschung! Das Gegenteil ist der Fall. Was der eine oder andere Vermögensverwalter schon vor Monaten beobachten konnte, wird jetzt durch eine repräsentative Studie bestätigt: Aktien werden bei den Bundesbürgern, die ihr Geld traditionell lieber zur Bank bringen, immer beliebter.

Zum vierten Mal ist in den Sommermonaten die Untersuchung „Aktienkultur in Deutschland“ im Auftrag der Aktion pro Aktie durchgeführt worden. Dazu wurden insgesamt 2.000 Deutsche ab 18 Jahren online befragt. Das überraschende Ergebnis: Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil an Aktienbesitzern um 5 Prozentpunkte gestiegen und liegt nun bei 34 Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich zum Jahr 2017 ist der Anteil der Aktienbesitzer damit sogar um 10 Prozentpunkte gestiegen. Das ist eine beachtliche Steigerung, die hoffen lässt, dass sich daraus ein langfristiger Trend entwickelt.

Das ist im Nullzins-Zeitalter auch nötig, denn nach wie vor dominieren kurzfristige Anlagen mit geringer Rendite: So legen die Deutschen ihr Geld nach wie vor am liebsten auf dem Girokonto (73 Prozent), dem Sparbuch (37 Prozent) und dem Tagesgeldkonto (31 Prozent) an. Allerdings hat die Nutzung aller drei Anlageformen im Vergleich zu Vorjahresbefragungen abgenommen. Auf dem sechsten Platz folgen - zusammen mit dem Festgeld - liegen die Aktienfonds.  Fast jeder fünfte Bundesbürger (19 Prozent) besitzt sie, was sie zum beliebtesten Wertpapier macht - gefolgt von Wertpapiersparplänen (15 Prozent) und Einzelaktien (13 Prozent). ETFs sind noch nicht ganz so populär: Sie werden zurzeit von 10 Prozent der Deutschen als Geldanlage genutzt.

Die Menschen haben offensichtlich immer weniger Berührungsängste. Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch, dass es noch Vorbehalte gegenüber Aktien gibt. Die einen sorgen sich, ihr Geld zu verlieren, andere befürchten, die falschen Aktien zu kaufen oder trauen sich den Aktienkauf einfach nicht zu. Weniger ausgeprägt sind die Sorgen angesichts der Corona-Krise. Eine Minderheit von 22 Prozent derjenigen, die in diesem Jahr über ein Aktien-Investment nachgedacht hatten, hält diese Sorge vom Kauf ab.

Daraus möchte ich folgende Schlussfolgerungen ableiten: Die Dauer der Nullzins-Ära führt zu einem Umdenken vieler bisher allein auf Sicherheit bedachten Sparer. Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein langfristiger Prozess. Offenkundig haben die diversen Ankündigungen führender Notenbanken, an ihrem monetären Kurs langfristig festhalten zu wollen, auch bei den privaten Anlegern Wirkung gezeigt. Für die weitere Förderung der Aktienkultur auf die Politik zu setzen (Änderung unseres Rentensystems), wird vermutlich erfolglos bleiben. Es gibt in Regierung und Parlament einfach zu wenig Sympathisanten für die Börse und Finanzmärkte - nach den schlagzeilenträchtigen Skandalen sicher noch weniger. Andererseits wäre es wichtiger, keine neuen steuerlichen Belastungen für die Aktienanlage einzuführen. Die Stabilisierung des jetzt ermutigenden Trends ist deshalb eine Aufgabe für Information, Aufklärung und Beratung durch alle damit befassten Unternehmen und Organisationen einschließlich der Medien. Und Sie, liebe fortgeschrittene Aktienfans, können Ihren Beitrag als „Botschafter der Aktie“ leisten, indem Sie Ihre Erfahrungen Verwandten, Freunden und Bekannten bei passender Gelegenheit weitergeben.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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