Kutzers Zwischenruf: Inflation steigt weiter – trotzdem noch gelassen bleiben

Hermann Kutzer

Es fällt sicher nicht leicht, gelassen zu bleiben. Dennoch können wir dem Wissenschaftler zustimmen: Die vor allem wegen der Energiepreise weiter steigende Inflationsrate sollte man „vorläufig nicht dramatisieren“, sagt ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann. Das sehe ich auch so und ist offenbar die vorherrschende Expertenmeinung.

Seit heute wissen wir (keine Überraschung), dass die Geldentwertung weitergeht: Das Statistische Bundesamt hat als vorläufige Inflationsrate für September 4,1 Prozent gemeldet. Das ist der höchste Wert seit 1992 und 0,2 Prozentpunkte mehr als im Vormonat. Der für die Geldpolitik der EZB relevante Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) liegt nun ebenfalls bei 4,1 Prozent. Wesentliche Treiber der Inflationsrate sind deutliche Preisanstiege im Bereich Energie. Nach den Pandemie-Schocks im letzten Jahr haben sich die Preise wichtiger Rohstoffe wie Öl, Gas, Strom und Kohle von ihren Tiefs inzwischen mehr als deutlich erholt. Dies spiegelt sich auch bei den Importpreisen wider, deren Plus von 16,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr sogar den stärksten Anstieg seit 1981 darstellt. Hinzu kommt die Rücknahme der temporären Mehrwertsteuer-Senkung aus dem letzten Jahr, die in der zweiten Jahreshälfte 2021 die Teuerungsrate zusätzlich erhöht. Spontaner Kommentar der DZ Bank: Deshalb müssen wir uns bis Ende 2021 an Inflationsraten von über 4 Prozent gewöhnen. Der Steuereffekt fällt zwar Anfang 2022 weg. Deutlich niedrigere Inflationsraten sind aber erst mit einer Beruhigung der Preise wichtiger Energieträger zu erwarten.

Auch in Italien nimmt der Preisanstieg weiter zu. Im September stiegen die nach europäischen Standards berechneten Verbraucherpreise (HVPI) um 3,0 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, wie das Statistikamt Istat am Donnerstag mitteilte. Das ist die höchste Rate seit dem Jahr 2012. Im August hatte der Zuwachs 2,5 Prozent betragen.

In den USA liegen die Zahlen noch höher. Hohe Inflation und Materialengpässe werden der Wirtschaft laut US-Notenbankchef Jerome Powell länger zusetzen als gedacht. Es sei frustrierend zu sehen, dass sich die Lieferkettenprobleme nicht besserten, sagte Powell am Mittwoch. Das mit der Öffnung der Wirtschaft nach der Krise zusammenhängende Problem werde sich vermutlich bis ins nächste Jahr hineinziehen und auch die Inflation länger auf einem höheren Stand halten als gedacht. Die Teuerungsrate in den USA ist wie in vielen anderen Regionen der Welt zuletzt kräftig gestiegen - unter anderem als Folge der Corona-Krise. Waren und Dienstleistungen kosteten im August 5,3 Prozent (!) mehr als im Vorjahresmonat. Powell erwartet, dass die Inflation auch in den nächsten Monaten über dem Ziel der Federal Reserve von 2 Prozent liegen wird.

Geduld ist also angesagt, geschätzte Anleger, auch wenn’s schwerfällt. Im Gegensatz zum Rentenmarkt können Aktienfans weiter cool bleiben - noch.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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