Kutzers Zwischenruf: Vergessen Sie als Anleger „Wenn“ und „“Hätte“!

Hermann Kutzer

Eine steile Gegenbewegung heute früh - der Dax schwingt sich mutig über die Marke 12.000. War’s das, Baisse passé? Vorsicht, geschätzte Anleger, denn kurzfristig ist noch alles möglich. Manche Börsenbullen scharren schon unruhig mit den Hufen. Ich habe gleich mehrere neue Analysen und Vorschauen empfangen, die unisono Gelassenheit ausrufen und die Kursstürze der vergangenen Woche abzuhaken versuchen. Da ist von „extrem überverkauften“ Aktienmärkten die Rede und von „Verkaufspanik“. Andererseits werden erste Kaufgelegenheiten nach den Kurseinbrüchen gesehen, zumal Fondsmanager keinen langanhaltenden Bärenmarkt befürchten.

Ja, das war schon ziemlich massiv, war alles andere als eine normale Börsenwoche. Trotzdem geht mir die Charakterisierung „Panik“ einen Schritt zu weit - mein Urteil lautet „Herdentrieb“ (ähnlich wie eine Stampede, wenn Rinderherden erschreckt losrennen; siehe amerikanische Western). Aber der Handel war wirklich heftig: Durch die hohe Volatilität in der letzten Februar-Woche lagen die Monatsumsätze auf den Kassamarkt-Plattformen der Deutschen Börse deutlich über dem Vorjahr - 183,0 Milliarden gegenüber 116,0 Milliarden Euro im Vorjahresmonat, ein Zuwachs von fast 60 Prozent! Allein der vergangene Freitag war mit 2,8 Millionen ausgeführten Orders und einem Handelsvolumen von 18,6 Milliarden Euro der umsatzstärkste Handelstag auf Xetra seit 2008.

Jetzt werden nicht wenige Privatanleger bedauernd zwischenbilanzieren: „Hätte ich bloß beim Beginn der Dax-Talfahrt verkauft.“ Andere werden sich sagen: „Wenn ich doch die Kursrücksetzer zu neuen Käufen genutzt hätte.“ Vergessen Sie „Wenn“ und „Hätte“, lautet eine alte Börsenweisheit. Am besten aus dem Anlegervokabular ganz streichen. Solche Selbstkritik hilft Ihnen nämlich nicht weiter. Erstens ist es noch zu früh für eine Bewertung der jüngsten Kursentwicklungen, zum anderen hat Erfahrung - insbesondere durch eigene Fehler - das Prädikat „besonders wertvoll“. Übrigens könnten Sie bei den oben genannten Zitaten auch das gegenteilige Wörtchen „nicht“ (… nicht verkauft … bzw. … nicht genutzt …) einsetzen. Lachen Sie lieber über den legendären Spruch von Lothar Matthäus in einer TV-Analyse, den er besser nicht gesagt hätte: „Wäre, wäre, Fahrradkette.“

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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