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So steht es um die Verschuldungssituation deutscher und amerikanischer Unternehmen wirklich

Bernd Schmid

Nach der globalen Finanzkrise vor circa 10 Jahren ist die Anzahl an insolventen Unternehmen gesunken. Zumindest in Deutschland (relativ stetig sogar), den USA und einigen anderen wirtschaftsstarken Ländern.

So steht es um die Verschuldungssituation deutscher und amerikanischer Unternehmen wirklich

Dieser Rückgang der Schumpeter’schen kreativen Zerstörung hört sich erst einmal toll an. Im Zusammenhang mit der Null-, Niedrig- oder Negativzinspolitik der Zentralbanken kann man aber auch anders argumentieren, und einige tun dies auch. Konkret hilft diese Politik manchen Unternehmen am Leben zu bleiben, obwohl sie unter „normalen“ Umständen (aber was ist schon normal?) wohl schon länger das Zeitliche gesegnet hätten.

Was mich als Anleger daher interessiert ist, wie es um die Unternehmen steht, in die ich investieren kann. Ich habe deshalb einen genaueren Blick auf die Verschuldungssituation von deutschen und US-amerikanischen börsennotierten Unternehmen geworfen, die nicht in erster Linie im Finanzsektor tätig sind (weil das mit der Verschuldung im Finanzsektor eine leicht andere Sache ist) - insgesamt immerhin fast 600 deutsche Unternehmen und mehr als 2.100 Firmen, die im Russel 3000 Index enthalten sind.

Es kommen gleich ein paar Grafiken und einige Zahlen, ich werde mir aber Mühe geben, diese so verständlich wie möglich zu erläutern.

Unterschiedliche Entwicklungen

Als Erstes habe ich mir die Nettoverschuldung (das heißt die Gesamtschulden abzüglich Bargeld und anderer liquider Mittel) im Verhältnis zum Eigenkapital beider Gruppen angeschaut. 

Datenquelle: S&P Global Market Intelligence und eigene Berechnungen

Was direkt auffällt ist die unterschiedliche Entwicklung in beiden Ländern seit der Finanzkrise. In den ersten Jahren nach der Finanzkrise verbesserte sich der Verschuldungsgrad in beiden Ländern relativ deutlich, bis es wieder leicht in die andere Richtung ging.

Ab dem Jahr 2014 gehen beide Gruppen andere Wege. Während sich die Verschuldungssituation in Deutschland insgesamt verbesserte und heute relativ deutlich unter dem Niveau während der Finanzkrise liegt, ist es in den USA genau anders herum.

Allerdings geben diese Zahlen nur einen sehr eingeschränkten Blick, denn große Unternehmen wirken sich viel mehr auf diese Zahlen aus als kleine Unternehmen. In anderen Worten: Es könnte auch einfach sein, dass nur ein paar große Unternehmen in Deutschland ihre Schulden abgebaut haben und so das Bild verzerren.

Das würde man in diesen Zahlen nicht erkennen. Daher ein genauerer Blick auf die Zahlen - konkret auf den Anteil an Unternehmen mit einem bestimmten Verschuldungsgrad.

Ein genauerer Blick

Datenquelle: S&P Global Market Intelligence und eigene Berechnungen

Hier sehen wir die Trendlinien aus der ersten Grafik bestätigt. Das heißt, es ist nicht so, dass die Trends von nur wenigen großen Unternehmen bestimmt wurden. Allerdings sehen wir auch, dass US-Unternehmen sowohl heute als auch während der Finanzkrise höher verschuldet sind und waren als deutsche Unternehmen. Die Grafiken in Worten:

In den USA hatten im Jahr 2008 die Hälfte aller Unternehmen einen Verschuldungsgrad von mindestens 27 % und ein Viertel aller Unternehmen einen Verschschuldungsgrad von mindestens 88 %. Heute liegen diese Zahlen höher, und zwar bei 34 % beziehungsweise 96 %.
In Deutschland hatten im Jahr 2008 die Hälfte aller Unternehmen einen Verschuldungsgrad von mindestens 12 % und ein Viertel aller Unternehmen einen Verschuldungsgrad von mindestens 73 %. Heute sind diese Zahlen mit weiterhin 12 % beziehungsweise 57 % identisch beziehungsweise sogar niedriger.

Kurz zusammengefasst heißt all das: In den USA ist der Anteil an höher verschuldeten Unternehmen deutlich höher als bei uns.

Auch das muss nun für sich alleine nicht negativ sein. Viel wichtiger als der Verschuldungsgrad ist, ob die Unternehmen ausreichend Gewinne erzielen, um ihre Schulden bedienen zu können.

US-Unternehmen können ihre Schulden viel weniger bedienen

Dafür werfen wir einen Blick auf die sogenannte Zinsdeckungsquote. Diese gibt an, um wie viel höher der operative Gewinn der Unternehmen im Vergleich zu den Zinszahlungen sind, die diese Unternehmen erbringen müssen.

Datenquelle: S&P Global Market Intelligence und eigene Berechnungen

Was uns diese Grafik zeigt, ist, dass die Bedienung der Schulden für Unternehmen in den USA heute deutlich schwieriger ist als noch während der Finanzkrise. In Deutschland ist es genau anders herum. Konkret hat die Hälfte aller betrachteter US-Unternehmen heute eine Zinsdeckungsquote von weniger als 4. Das heißt, dass mehr als ein Viertel ihres operativen Gewinns für Zinszahlungen verschlungen wird. Das ist ein Wert, bei dem ich als Anleger schon ganz genau hinschauen würde, wie nachhaltig das alles ist. In Deutschland beträgt der Wert nur ein Bruchteil davon.

Ein Teil dieser Differenz zwischen den USA und Deutschland kann sicherlich auch dadurch begründet werden, dass die Zinsen in den USA in den vergangenen Quartalen schon wieder steigen, während sie sich bei uns noch immer ganz unten im Keller befinden. Aber trotzdem ist es keine gewagte Schlussfolgerung zu sagen, dass deutsche Unternehmen deutlich vernünftiger mit dem billigen Geld umgehen, das ihnen die Notenbanken praktisch nachwerfen. Mir scheint es, als könnten sich in den USA ziemlich viele Unternehmen übernommen haben.

Motley Fool Deutschland 2018

Foto: Getty Images

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Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist der Leitende Investor von The Motley Fool Deutschland und verantwortlich für die Performance aller Newsletter von The Motley Fool in Deutschland. Er leitet selbst den Newsletter Stock Advisor Deutschland, mit dem Ziel langfristig orientierten Anlegern zu helfen, mit den besten Unernehmen am Aktienmarkt überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und mehr über das Investieren zu lernen.

Im Jahr 2016 hat Herr Schmid das letzte der drei Chartered Financial Analyst (CFA) Examen bestanden und kann damit ab dem Jahr 2019 den in der Investment-Industrie hoch angesehenen CFA Charter zugesprochen bekommen.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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