Warum diskutiert die Politik nicht die großen Fragen dieser Zeit?

Stefan Riße

Es sieht nun alles danach aus, als dass wir Donald Trump keine weiteren vier Jahre als Präsident der USA ertragen müssen. All seine Bemühungen, irgendwie gerichtlich doch noch einen Wahlsieg hinzukonstruieren, werden mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Doch wer glaubt, dass damit das Phänomen Trump eine vorübergehende Zeiterscheinung war, der ist im Irrtum. Denn Die Wahl Donald Trumps war kein Zufallsereignis. Sie war es genauso wenig wie der Brexit, der Front National in Frankreich, die AfD in Deutschland oder die Lega Nord in Italien. Diese Wählerbewegungen haben handfeste Ursachen, die mit dem enormen Wandel der Welt in den vergangenen 20 Jahren zu tun haben.

Die Globalisierung hat eindeutige Verlierer produziert

Die Welt wurde in den letzten gut zwei Jahrzehnten global. Vor allem die Einbindung Chinas in den Reigen der Industrieländer und den internationalen Handel hat vieles durcheinander gewirbelt. Das Wachstum war enorm, viele haben profitiert, doch gleichzeitig gingen viele Jobs in den alten Industrieländern verloren und wurden in Richtung Südostasien verlagert. Verlierer waren zunächst diejenigen, die in produzierenden Betrieben tätig waren, die aufgrund zu hoher Kosten aufgaben. Diese Menschen mussten sich nach anderer Arbeit umschauen. Oft fanden sie nur noch Jobs im Dienstleistungssektor, allerdings um den Preis, dass diese Jobs schlechter bezahlt waren. Über die Qualität der Millionen neuer Jobs, die in den USA in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen wurden, streiten wir schon lange. Denn die Jobmaschine USA hatte einen Makel: Es entstanden vor allem Billigjobs. In der Folge entstand die Zweit- und Drittjobkultur, weil viele Amerikaner sich Nebenjobs suchen mussten, um über die Runden zu kommen. Genau diese Menschen sprach Trump vor gut vier Jahren an.

Digitalisierung und Automatisierung vernichteten reihenweise Arbeitsplätze

Vielleicht noch wichtiger für die Veränderung unserer Welt als die Globalisierung war und ist die Digitalisierung, und die mit ihr einhergehende Automatisierung der Produktionsprozesse. Auch sie hat viele Arbeitsplätze gekostet. Und mittlerweile ist längst nicht mehr nur der produzierende Sektor betroffen, sondern auch die Dienstleistungsbranche. Amazon betreibt bereits Supermärkte in den USA, die quasi ohne Personal funktionieren. Kameras verfolgen mit, was ich aus dem Regal nehme, und in dem Moment wo ich den Laden verlasse, wird alles von meinem Amazon-Konto abgebucht. Es gibt keine Kasse und auch keine Kassiererin mehr. Nur was wird aus dieser in Zukunft? Gleiches dachte ich vor zwei Jahren auf dem Weg in den Skiurlaub mit der Fluggesellschaft Easyjet. Da saß am Check In Schalter nun niemand mehr, der meine Koffer entgegennahm. Ich fertigte mein Gepäck selbst ab. Der entsprechende Gepäckaufkleber kam aus dem Automaten. Es gab zwar noch eine Assistenz wie einst bei der Einführung der Check In Automaten der Lufthansa, doch so wie diese längst verschwunden sind, weil die Passagiere gelernt haben, wie es geht, wird es wohl auch bald im Fall der Gepäckabfertigung ohne Personal gehen. Doch noch einmal zurück zu Amazon. Schon heute sind dort viele Prozesse automatisiert. Dennoch arbeiten in den Auslieferungslagern noch Hunderttausende von Menschen. Die schlechte Bezahlung und die Arbeitsbedingungen wurden schon oft kritisiert. Dass es diese Jobs überhaupt noch gibt, liegt nur daran, dass die Produktvielfalt und damit die Haptik der Produkte noch so unterschiedlich sind, dass die Roboter von heute noch Schwierigkeiten haben, einmal ein Buch und dann einen Teddybären zu verpacken. Aber es ist absehbar, dass auch dies irgendwann zu angemessenen Kosten automatisiert werden kann. Dann werden die Amazon-Auslieferungslager wahrscheinlich irgendwann menschenleere Roboterfabriken sein und weitere Tausende von Jobs wegfallen. Mit dem Voranschreiten der künstlichen Intelligenz werden zukünftig aber noch ganz andere Berufsgruppen vom Jobverlust betroffen. Steuererklärungen kann auch ein intelligentes Computerprogramm erledigen. Der Steuerberater kann mit seinen Fähigkeiten dann vielleicht noch etwas anderes machen, doch was ist mit seinen Gehilfinnen, die die Belege buchen. Wenn wir zukünftig alle Belege in einem standardisierten Format nur noch elektronisch übermittelt bekommen, dann werden die Daten automatisch eingelesen. Technisch ist dies längt machbar, es fehlt nur noch der einheitliche Standard.

Was machen wir mit all denen, die ihren Job verlieren?

Schon immer sind ganze Berufszweige untergegangen. Die Nachtwächter gibt es schon lange nicht mehr, und dennoch hat sich die Welt weitergedreht. Der Nachtwächter hat dann eben etwas anderes gemacht. Das ist auch die Hoffnung derer, die keine Angst vor der Digitalisierung, Automatisierung und künstlichen Intelligenz in Bezug auf ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben. Doch dieser Optimismus ist naiv. Fortschritt entwickelt sich exponentiell und die meisten der Jobs, die dadurch in den kommenden Jahrzehnten verlorengehen, werden nicht neu entstehen. Vor allem werden es keine Jobs sein, die weniger Qualifizierte ausführen können. Früher war Automatisierung ein Segen, denn es erlaubte den Leuten etwas anderes, produktiveres und anspruchsvolleres mit ihrer Zeit anzufangen. So entwickelte sich die Welt weiter. Anstatt stupide Arbeiten zu erledigen, konnten sich die Leute weiterbilden und Neues entwickeln. Doch heute mangelt es ja nicht am Bildungsangebot, es hat aber eben nicht jeder die Fähigkeit, Ingenieur, Physiker oder Biotechnologe zu werden. Es geht um die Aufgaben, die auch weniger Qualifizierte erledigen können, die uns ausgehen.

Die Politik muss diskutieren, wie wir Geld und Aufgaben zukünftig verteilen

Es ist also absehbar, dass wir zukünftig viel mehr potenzielle Arbeitskräfte haben werden als Arbeit. Und wenn sich die Politik dieser Frage nicht annimmt, dann wird es weitere Trumps geben, die den vom Jobverlust betroffenen Menschen versprechen, Ihnen die alte Welt zurückzugeben. Das funktioniert natürlich nicht – Trump hat nicht einen einzigen Job in der Stahlindustrie zurück in die USA geholt – doch der gesellschaftliche Schaden ist enorm. Die zerrissene Gesellschaft in den USA liefert ein bedrückendes Zeugnis. Wenn Lohnarbeit aber nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen wird, stellt sich die Frage, wie den betroffenen Menschen zukünftig ein Leben ermöglicht wird, das ihnen das Gefühl gibt, noch Teilhabe an der Gesellschaft und des wachsenden Wohlstandes zu haben. Es geht um Verteilungsgerechtigkeit. Allen voran die Politiker müssen sich diesen Fragen stellen. Dafür haben wir sie gewählt. Die Idee des Bürgergeldes muss diskutiert werden und darf nicht tabuisiert werden. Doch hier darf die Diskussion nicht enden. Die finanzielle Absicherung ist nur ein Aspekt, der für ein glückliches Leben notwendig ist. Fast noch dringender ist es, dass Menschen eine Aufgabe haben und gebraucht werden. Das hat die Glücksforschung einheitlich hervorgebracht. Es sind insofern große Fragen, die sich für die Zukunft stellen. Und es geht um nichts Geringeres als den sozialen Frieden und den Erhalt unserer pluralistischen Demokratien, wie wir sie kennen. Leider lässt die Politik vermissen, sich diesen großen Fragen anzunehmen. Sie verfängt sich im Kleinklein und doktert nur an den Symptomen herum. Und genau damit überlassen sie den Demagogen das Feld.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
Das könnte Sie auch interessieren
Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

rißes blog

Kurs zu Easyjet Aktie

  • 809,20 GBp
  • -3,52%
30.11.2020, 15:03, London Stock Exchange

onvista Analyzer zu Easyjet

Easyjet auf übergewichten gestuft
kaufen
32
halten
19
verkaufen
7
55% der Analysen der letzten 6 Monate prognostizieren einen steigenden Aktienkurs von durchschnittlich 809,20 €.
alle Analysen zu Easyjet
Alle Kolumnen von Stefan Rißealle Artikel anzeigen

Zugehörige Derivate auf Easyjet (510)

Derivate-Wissen

Sie möchten die Aktie günstiger erwerben?

Mit Discount-Zertifikaten können Sie die Aktie zu einem niedrigeren Preis erwerben.

Erfahren Sie mehr zu Discount-Zertifikaten