Warum man nur Aktien kaufen sollte, die man liebt

Bernd Schmid

„Don’t fall in love with your stocks.“ Verliebe dich nicht in deine Aktien. So lautet ein Hinweis, den man immer wieder hört.

Warum man nur Aktien kaufen sollte, die man liebt

Er ist einleuchtend. Denn Liebe ist ein Gefühl, eine Emotion. Und Emotionen wirken sich in der Regel schlecht auf Investitionsentscheidungen aus. Darüber brauchen wir nicht streiten.

Trotzdem behaupte ich entschieden, dass man dem obigen Hinweis als langfristig orientierter Anleger nicht folgen sollte. Als solcher sollte man sogar das Gegenteil tun: ausschließlich Unternehmen im Portfolio haben, die man liebt. Damit erhöht man seine Erfolgschancen.

Das Dilemma des langfristigen Investierens

Jedes Unternehmen wird auch schlechte Phasen durchmachen. Jedes Management kann im Zweifel auch einmal eine falsche Entscheidung treffen. Dementsprechend werden Aktienkurse selbst von hervorragenden Unternehmen immer auch leiden können.

Das werden langfristige Investoren auch der besten Aktien bestätigen.

Ein Netflix-Aktionär hat seit dem Börsengang vor mittlerweile fast 20 Jahren schon zwei Mal drei Viertel und mehr seines Geldes in der Aktie „verloren“. Aus ehemals zum Beispiel 10.000 Euro wären dadurch weniger als 2.500 Euro geworden.

Anleger von Amazon und MercadoLibre hatten zeitweise sogar rund 90 % ihres in diesen Aktien investierten Kapitals „verloren“. Aus vormals 10.000 Euro in diesen Aktien wurden zeitweise nur noch zu 1.000 Euro.

Das sind Extremfälle. Aber auch ein Verlust von 50 % tut sehr weh. Und diese Dinge passieren einfach immer wieder. Selbst den besten Unternehmen, wie den obigen - die Amazon-Aktie hat sich seit dem Börsengang zum Beispiel mehr als vertausendfacht. Auch mit den anderen beiden Aktien konnte man reich werden.

Zum reich werden musste man jedoch eines tun: sich nicht von den temporären horrenden Verlusten zum Abstoßen der Aktien verleiten lassen.

So etwas passiert jedoch sehr gerne. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Für solche enormen Abstürze gibt es oft sehr gute Gründe. Das Geschäftsmodell von Netflix zum Beispiel war ursprünglich ein Online-DVD-Verleih. Der Wechsel dessen zu einem Streaming-Dienst verlief nicht reibungslos. Man hatte teilweise mit Kundenrückgang und sehr schlechten Reviews zu kämpfen.

Wie schätzt man ein Unternehmen ein, dessen Aktie sich im freien Fall befindet und dessen Kundenzahlen rückläufig sind?

Ganz nüchtern betrachtet erscheint ein Verkauf der Aktie die rationale Entscheidung.

Verkaufsentscheidungen sind im Durchschnitt schlechte Entscheidungen

Für eine Studie der University of Chicago wurden 4,4 Millionen Trades aus 739 Portfolios von institutionellen Investoren ausgewertet. Man wollte die Verkaufsentscheidungen dieser Investoren analysieren. Das Ergebnis: Sie waren im Durchschnitt schlecht. So schlecht, dass die Performance dieser Portfolien besser gewesen wäre (in manchen Fällen sogar viel besser), wenn die Verkaufsentscheidungen komplett willkürlich gefällt worden wären.

Anders gesagt: Diese professionellen Investoren hätten ihren Kunden einen großen Gefallen getan, wenn sie einen Affen per Wurf auf eine Dartscheibe hätten entscheiden lassen, welche Aktien verkauft werden sollen.

Dieses Ergebnis lässt sich durch zahlreiche Anekdoten untermauern. Die Performance des Newsletters, für den ich verantwortlich bin, wäre noch besser, hätte ich niemals eine Aktie zum Verkauf empfohlen. Genauso geht es unserem Rule Breaker David Gardner, dessen Performance sich schon mit den besten Anlegern der Welt vergleichen lässt.

Ähnliches meine ich über Warren Buffett gelesen oder von ihm gehört zu haben. Leider finde ich die Quelle nicht mehr.

Die Erkenntnis daraus ist jedenfalls eindeutig: Im Zweifel sollte man lieber keine seiner Aktien jemals verkaufen.

Wie die Liebe ins Spiel kommt

Auf der einen Seite klingt der Verkauf einer Aktie nach nüchterner Betrachtung oft wie die rationalste Entscheidung. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass diese Entscheidung statistisch dann doch eher die Gesamtperformance über Zeit verschlechtert.

An dieser Stelle kommt die Liebe ins Spiel.

Um an der Netflix-Aktie in der oben beschriebenen Situation weiter festhalten zu können, bedurfte es einer besonderen Überzeugung. Dafür musste man über die temporären Schwächen hinwegsehen können. Das fällt deutlich leichter, wenn man ein Unternehmen und dessen Aktie besonders mag - sei es, weil man das Produkt oder auch das Management besonders schätzt oder aus einem anderen Grund.

Genauso verhält es sich praktisch bei jedem Kursrückgang, auch wenn dieser mal mehr und mal weniger rational begründet werden kann. Und wie gesehen, macht man solche Phasen selbst bei den besten Unternehmen der Welt durch.

Damit man die langfristig erstklassigen Renditen erhalten kann, die einem diese Aktien bringen können, muss man jedoch an diesen festhalten können - in guten und in schlechten Zeiten. Und besonders Letzteres funktioniert einfach besser, wenn man seine Aktien ganz besonders gerne hat.

Offenlegung: John Mackey, CEO von Whole Foods Market, einer Amazon-Tochtergesellschaft, ist Mitglied des Verwaltungsrats von The Motley Fool. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Amazon, MercadoLibre und Netflix und empfiehlt die folgenden Optionen: Long Januar 2022 $1920 Calls auf Amazon und Short Januar 2022 $1940 Calls auf Amazon. Bernd Schmid besitzt Aktien von Amazon, MercadoLibre und Netflix.

Foto: Elnur / Shutterstock.com

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Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist Chefanalyst von The Motley Fool Deutschland und leitet den Newsletter Stock Advisor Deutschland mit dem Ziel, langfristig orientierten Anlegern zu helfen überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und bessere Anleger zu werden.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid ist CFA Charterholder, besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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