Standort-Skeptiker in Industrie - Immer mehr Firmen erwägen Abwanderung

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- von Christian Krämer

Berlin (Reuters) - So viele Industriefirmen wie noch nie erwägen Verlagerungen ihrer Produktion ins Ausland.

Bei größeren Unternehmen ist dies sogar mehr als jeder zweite Betrieb, wie die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) am Donnerstag unter Verweis auf eine großangelegte Umfrage warnte. Hauptgrund sind die im internationalen Vergleich hohen Energiepreise. Alternativen zu Investitionen in Deutschland sind die USA und China, aber auch Frankreich. Aktuelle Daten belegen die gegenwärtig schwierige Lage der Industrie.

"Die Uhr tickt", sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks zu Journalisten in Berlin. Die De-Industrialisierung schreite voran. In der Regel würden Verlagerungen ins Ausland schrittweise erfolgen. 37 Prozent der von der DIHK befragten rund 3300 Unternehmen gaben an, Produktionseinschränkungen oder eine Abwanderung ins Ausland in Betracht zu ziehen. 2023 waren es erst 31 Prozent, 2022 sogar nur 16 Prozent. Deutlich überdurchschnittliche Werte gab es bei Industriebetrieben mit hohen Stromkosten (45 Prozent) sowie mindestens 500 Beschäftigten (51 Prozent).

Dercks sprach von einem Alarmzeichen. Das Problem werde in den nächsten Jahren noch deutlicher werden. Er verwies auf niedrigere Energiekosten in den USA, Frankreich oder China. Die Grundfrage für mehr Planungssicherheit der Unternehmen sei, woher ab 2030 günstig und verlässlich die Energie kommen solle. "Hier fehlt die Perspektive." Beispielsweise werde der steigende CO2-Preis in Deutschland zu höheren Energiekosten führen, anders als etwa in den USA. "Die Betriebe erkennen weiterhin deutlich mehr Risiken als Chancen für die eigene Wettbewerbsfähigkeit."

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine Anfang 2022 waren die Energiekosten zeitweise nach oben geschossen. Mittlerweile sind die Preise wieder zurückgegangen, im Vergleich zu anderen Staaten aber weiterhin hoch. Die Bundesregierung treibt zudem den Umbau hin zu grünen Energien voran. Kritiker bemängeln dabei viel Bürokratie und eine Einschränkung verfügbarer Ressourcen.

SCHWACHE INDUSTRIEDATEN FÜR JUNI UND JULI

Die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer meldeten für das erste Halbjahr einen Rückgang der Auftragseingänge um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Juni betrug das Minus neun Prozent, wie der Branchenverband VDMA mitteilte. "Die Auftragslage ist insgesamt enttäuschend", so VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers. "Eine Trendwende ist bisher nicht in Sicht." Daten für Juli signalisieren ebenfalls keine Besserung. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie gab den zweiten Monat in Folge nach und notierte nur noch bei 43,2 Punkten nach 43,5 Zählern im Juni, wie der Finanzdienstleister S&P Global zu seiner Firmenumfrage mitteilte. Nur bei Werten oberhalb von 50 Zählern wächst die Industrie.

Die deutsche Wirtschaft war im zweiten Quartal überraschend geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt sank von April bis Juni um 0,1 Prozent zum Vorquartal. Die Aussichten für einen Aufschwung in der zweiten Jahreshälfte haben sich zuletzt eingetrübt. So sank der Ifo-Geschäftsklimaindex - der als wichtigster Frühindikator für Europas größte Volkswirtschaft gilt - im Juli bereits den dritten Monat in Folge. Dies gilt als schlechtes Omen für die Konjunkturentwicklung.

Dercks sagte, das von der Ampel-Regierung geplante Paket mit insgesamt 49 Einzelmaßnahmen zur Stärkung des Standorts enthalte viele richtige Punkte. Es sei aber nicht der große Wurf. Das Potenzialwachstum dadurch ab 2025 um 0,5 Prozentpunkte zu steigern, sei zu optimistisch gerechnet.

In der DIHK-Umfrage wurden Firmen aufgefordert, die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit zu bewerten - auf einer Skala von minus 100 bis plus 100 Punkten. Aktuell wird die Lage mit minus 20 Zählern bewertet. Das ist der zweitschlechteste Wert seit Beginn der Erhebung 2012. Nur 2023 wurde die Lage mit minus 27 Punkten noch schlechter eingeschätzt. "Während in den Jahren vor 2023 viele Unternehmen auch Chancen in der Energiewende für den eigenen Betrieb sahen, überwiegen zuletzt aus ihrer Sicht deutlich die Risiken." Laut DIHK wird die Eigenversorgung für Unternehmen immer wichtiger, etwa über Direktlieferverträge für Windenergie. Der Zugang zu Wasserstoff gewinne zudem an Bedeutung.

(Mitarbeit von Rene Wagner und Reinhard Becker. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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