Ökonomen-Stimmen zum US-Arbeitsmarkt

In den USA zeigt der bisher robuste Arbeitsmarkt zunehmend Anzeichen von Schwäche. Im Juli hat die größte Volkswirtschaft der Welt überraschend wenig neue Stellen geschaffen und die Arbeitslosigkeit erreichte den höchsten Stand seit fast drei Jahren. Zudem sind die Stundenlöhne weniger gestiegen als erwartet. Eine Zinssenkung durch die US-Notenbank im September wird damit immer wahrscheinlicher. Einige Beobachter spekulieren schon über einen großen Zinsschritt um 0,50 Prozentpunkte.
Die Einschätzung von Experten im Überblick
Christoph Balz und Bernd Weidensteiner, Volkswirte bei der Commerzbank
„Wir sehen die Daten als konsistent an mit unserer Einschätzung, dass die US-Wirtschaft wegen der hohen Zinsen an Tempo verliert. Wir halten es jedoch weiterhin für wahrscheinlicher, dass eine Rezession vermieden werden kann. Schließlich sind die Finanzierungsbedingungen gemessen etwa an den rekordhohen Aktienkursen, den niedrigen Risikoaufschlägen bei Unternehmensanleihen und den Kreditbedingungen der Banken, die zuletzt eher weniger stark auf die Bremse traten, nicht dramatisch schlecht.“
Dirk Chlench Volkswirt bei der Landesbank Baden-Württemberg
„Der Arbeitsmarktbericht für Juli blieb in allen Belangen hinter den Erwartungen zurück: Der Beschäftigungsaufbau schwächte sich im Juli merklich ab, die Werte für die beiden Vormonate wurden nach unten revidiert, die Arbeitslosenquote stieg an und das Lohnwachstum war moderat. Hätte die US-Notenbank schon auf ihrer Sitzung am Mittwoch Kenntnis vom Arbeitsmarktbericht gehabt, wäre das Pendel sicherlich schon in Richtung Leitzinssenkung ausgeschlagen. So erscheint nun eine Leitzinssenkung auf der Gremiensitzung im September als in Stein gemeißelt. Die Frage ist lediglich noch, wie stark diese ausfällt.“
Thomas Gitzel Chefvolkswirt bei der VP Bank
„Der sich abschwächende Arbeitsplatzaufbau dürfte die US-Notenbank in ihren Absichten einer Zinssenkung bestärken. Die Fed achtet auf die Arbeitslosenquote, die von 4,1 Prozent auf 4,3 Prozent weiter steigt. Die Währungshüter in Washington möchte eine stärkere Abkühlung am Arbeitsmarkt verhindern. Im Unterschied zur EZB hat die Fed ein duales Mandat, größere wirtschaftliche Schäden sollen von der US-Wirtschaft nach Möglichkeit abwendet werden. Im September wird es eine Zinssenkung geben. Ob es allerdings zu einer geldpolitischen Lockerung um gleich 50 Basispunkt kommt, ist mit dem heutigen Arbeitsmarktbericht noch lange nicht bewiesen.“
Ulrich Wortberg, Volkswirt bei der Landesbank Hessen-Thüringen
„Insgesamt zeichnet sich eine Abkühlung am Arbeitsmarkt ab und die Zinssenkungserwartungen bezüglich der Fed werden tendenziell forciert. Bereits gestern hat die Zinsfantasie infolge des enttäuschenden ISM-Indexes an Fahrt aufgenommen.“
dpa-AFX