Insider - Bund und Land wollen Meyer Werft mit Staatseinstieg retten

Berlin/Köln (Reuters) - Bund und Land wollen die angeschlagene Meyer Werft in Papenburg retten und dafür vorübergehend die Mehrheit bei dem Traditionskonzern übernehmen.
Dies sei die Botschaft, die Bundeskanzler Olaf Scholz und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (beide SPD) am Donnerstag beim Besuch einer Betriebsversammlung für die Belegschaft hätten, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters von mehreren Insidern. Es gebe eine Grundverständigung zwischen Bund, Land und der Eigentümerfamilie sowie bereits feste Eckpunkte dazu. Die IG Metall Küste begrüßte das Vorhaben. "Durch den geplanten Einstieg von Bund und Land werden nicht nur die Standorte Papenburg und Rostock gerettet, sondern wichtige Teile des Schiffbaus in ganz Deutschland", sagte Bezirksleiter Daniel Friedrich.
Auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck signalisierte der 1795 gegründeten Werft Staatshilfen. "Lösungen sind möglich. Und Lösungen sind in greifbare Nähe gekommen", sagte der Grünen-Politiker in Köln. Details könne er noch nicht nennen, weil es ein sensibler Prozess sei. "Wir wollen helfen, eine Lösung zu finden, dass da weiter Schiffe gebaut werden an der Küste." Die Werft sei traditionsreich und sehr leistungsfähig. Deswegen sei in den vergangenen Wochen sehr intensiv an einer Lösung gearbeitet worden.
ÖFFENTLICHE HAND KÖNNTE 2027/28 WIEDER AUSSTEIGEN
Bund und Land wollen den Insidern zufolge zusammen 400 Millionen Euro Eigenkapital zuschießen, mit Bürgschaften Bankkredite absichern und vorübergehend mindestens 80 Prozent der Werft übernehmen. Dazu müssten noch einige Details geklärt werden. Zudem müssten die Haushaltsausschüsse in Berlin und Hannover noch zustimmen.
Teil des Deals seien Bedingungen wie ein Vorkaufsrecht für die Familie Meyer, wenn die öffentliche Hand in etwa drei bis vier Jahren wieder aussteigt, hieß es. Zudem gebe es bestimmte Garantien in puncto Jobsicherheit für die Beschäftigten. Die finale Lösung soll bis etwa Mitte September stehen.
Die Bundesregierung äußerte sich zuletzt nicht konkret dazu und sprach von laufenden Gesprächen. Ein Sprecher des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums lehnte einen Kommentar zu den Reuters-Informationen ab. Er sagte aber, dass der Termin in Papenburg große Signalkraft habe und zeige, dass Bund und Land zur Werft stünden.
WERFT BRAUCHT BIS MITTE SEPTEMBER GELD UND BÜRGSCHAFTEN
Mit dem Besuch von Bundeskanzler Scholz verbindet das angeschlagene Familienunternehmen große Hoffnungen. Die Werft wartet seit Wochen auf die Zusage des Bundes und des Landes Niedersachsen zu einem Staatseinstieg. Die Meyer Werft braucht knapp 2,8 Milliarden Euro, um die bestellten Schiffe produzieren zu können, davon 2,3 bis 2,4 Milliarden in Form von Bankkrediten. Mit dem frischen Eigenkapital müssen auch Verluste aus der Vergangenheit gedeckt und die Sanierung finanziert werden. Die Eigentümerfamilie kann eine Kapitalspritze nicht stemmen und ein privater Investor ist nicht in Sicht.
Die Luxusdampfer, von denen zwei pro Jahr vom Stapel laufen sollen, kosten mindestens 1,5 Milliarden Euro. Die Kunden zahlen in der Regel 20 Prozent an, der Rest wird erst bei der Übergabe fällig. Die Werft muss also die Baukosten vorfinanzieren, normalerweise aus den Anzahlungen. Meyer waren aber die Corona-Jahre zum Verhängnis geworden, in denen es kaum noch Neuaufträge gab. Zuletzt hatte der US-Unterhaltungskonzern Disney vier Schiffe bestellt.
(Bericht von Klaus Lauer, Christian Krämer, Andreas Rinke und Petra Wischgoll; redigiert von Kerstin Dörr - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)