Konjunkturflaute bremst deutschen Jobmarkt - Mehr Kurzarbeit

Nürnberg/Berlin (Reuters) - Die Konjunkturflaute schlägt im November auf den deutschen Jobmarkt durch und sorgt für mehr Kurzarbeit.
"Die Wirtschaftsschwäche belastet weiterhin den Arbeitsmarkt", sagte die Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), Andrea Nahles, am Freitag in Nürnberg. Die BA verzeichnete in diesem Monat 2,774 Millionen Arbeitslose. Das seien 17.000 weniger als im Oktober, aber 168.000 mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote sank um 0,1 Punkte auf 5,9 Prozent. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung hätten kaum abgenommen, so Nahles. "Die Beschäftigung wächst nur noch wenig, gleichzeitig steigt die Kurzarbeit deutlich."
In den vergangenen drei Jahren war die Zahl der Arbeitslosen im November noch um durchschnittlich rund 23.000 gesunken. Um jahreszeitliche Schwankungen bereinigt stieg die Erwerbslosenzahl laut BA nun im Monatsvergleich um 7000 und damit geringer als von Ökonomen mit 20.000 erwartet.
"Kurzfristig sehen wir keine Änderung", sagte Nahles. In den nächsten Monaten dürfte die Arbeitslosigkeit eher steigen. Man könne nicht ausschließen, dass die Zahl im Winter in Richtung drei Millionen klettere. "Die Entwicklung geht eigentlich schon seit Herbst 2022 in die falsche Richtung." Im nächsten Jahr könne sich dies konjunkturell etwas aufhellen. Wie sich aber die strukturelle Arbeitslosigkeit entwickle, hänge davon ab, wo künftig investiert werde und wo die Wirtschaft nachhaltig die Transformation anschiebe, betonte Nahles.
"Die schwache Weltkonjunktur, Wladimir Putins schrecklicher Angriffskrieg und zunehmender Protektionismus setzen unsere Wirtschaft unter Druck", sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Viele Firmen nutzten Kurzarbeit, um Arbeitsplätze zu sichern, und setzten verstärkt auf Qualifizierungsmaßnahmen, um ihre Fachkräfte für die Anforderungen von morgen zu rüsten.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger äußerte sich skeptisch. "Drei Millionen Arbeitslose drohen diesen Winter Realität zu werden. So hoch lag die Arbeitslosigkeit zuletzt vor knapp zehn Jahren." Die Liste für den nötigen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik sei lang: "Bürgergeldreform, Arbeitszeitflexibilisierung, Abschaffung von Frühverrentungsanreizen, Entbürokratisierung und Förderung von Unternehmertum." Hauptgeschäftsführer Oliver Zander vom Lobby-Verband Gesamtmetall, den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie, betonte: "Dass die Arbeitslosigkeit trotz der demografischen Entwicklung steigt, ist ein Armutszeugnis für die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik der letzten Jahre."
INDUSTRIE SCHWÄCHELT - KURZARBEIT NIMMT ZU
Die deutsche Wirtschaft ist im Sommer-Quartal nur minimal um 0,1 Prozent gewachsen und dümpelt am Rande einer Rezession. Auch für das Jahresende zeichnet sich kein Aufschwung ab. Das Ifo-Geschäftsklima hat sich im November zum fünften Mal in sechs Monaten verschlechtert und auch das Konsumklima der Verbraucherinnen und Verbraucher für Dezember hat sich eingetrübt. Den GfK-Marktforschern zufolge machen sich immer mehr Menschen Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Zuletzt hatten der Autobauer VW, Zulieferer wie Bosch, Continental und ZF Friedrichshafen sowie Thyssenkrupp bei seiner Stahltochter den Abbau von Tausenden Jobs angekündigt.
Im September wurde laut BA für 268.000 Beschäftigte Kurzarbeitergeld gezahlt und damit mehr als noch im August mit 175.000. Ein Großteil sei wohl auf das Verarbeitende Gewerbe zurückzuführen, sagte Nahles zu ersten Schätzungen. "Nach aktuellen Daten wurde vom 1. bis einschließlich 25. November für 64.000 Personen konjunkturelle Kurzarbeit angezeigt."
Eine sinkende Nachfrage nach Mitarbeitenden signalisiert auch der Stellenindex der BA. Dieses Barometer sank im November auf den niedrigsten Stand seit April 2021. "In allen Wirtschaftszweigen – bis auf Energie- und Wasserwirtschaft – ist die gemeldete Arbeitskräftenachfrage im Vergleich zum Vorjahresmonat gesunken", erklärte die Bundesagentur.
Wegen verhaltener Konjunkturaussichten werde die Zahl der Arbeitslosen auch 2025 wohl weiter steigen, sagte KfW-Ökonom Martin Müller. "Außerdem dämpfen der Fachkräftemangel und die schwächelnde Arbeitsproduktivität die Wachstumsaussichten für die deutsche Wirtschaft." Deutsche-Bank-Analyst Marc Schattenberg fügte hinzu: "Arbeitsplatzsorgen drohen zudem die Konsumstimmung stärker zu belasten."
(Bericht von Klaus Lauer, redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)