SNB verteilt Weihnachtsgeschenk - stärkste Zinssenkung seit 2015

Bern (Reuters) - Die stark gesunkene Teuerung in der Schweiz hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) zu einem überraschend großen Zinsschnitt veranlasst.
Die Notenbank setzte den SNB-Leitzins am Donnerstag bei der letzten Zinssitzung des Jahres um 0,5 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent herab und signalisierte zugleich ihre Bereitschaft zu einer weiteren geldpolitischen Lockerung. Der mittelfristige Teuerungsdruck habe nochmals merklich abgenommen, sagte SNB-Präsident Martin Schlegel. "Mit unserer heutigen Lockerung der Geldpolitik wirken wir dem gesunkenen Inflationsdruck entgegen."
Auch die Wechselkursentwicklung spielt Schlegel zufolge eine Rolle. "Ein wichtiger Faktor bleibt dabei die Entwicklung des Frankens." Der Notenbankchef, der das SNB-Präsidium im Oktober übernommen hat, bekräftige zudem die Bereitschaft, bei Bedarf am Devisenmarkt einzugreifen. Zinssenkungen blieben aber das Hauptinstrument, falls die Geldpolitik weiter gelockert werden müsse. Schlegel wollte Negativzinsen nicht ausschließen, sagte allerdings, dass die Wahrscheinlichkeit dafür gering geworden sei.
"Dass die SNB heute mit 0,5 Prozent vorgelegt hat, signalisiert eine gewisse Dringlichkeit und ist auf eine Kombination von Faktoren zurückzuführen", erklärte Philipp Burckhardt, Analyst bei der Bank Lombard Odier IM. Mit der starken Zinssenkung adressiere die Notenbank, dass die Inflation unter dem Zielwert liege. Denkbar sei zudem, dass ein klares Signal gesendet werden sollte, dass die SNB weiterhin keine Frankenaufwertung tolerieren werde, um möglicher Spekulation schon früh einen Riegel vorzuschieben. "Rechtzeitig vor Weihnachten beschenkte die SNB Schweizer Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer mit einer kräftigen Zinssenkung", erklärte Brian Mandt, Chefökonom bei der Luzerner Kantonalbank. "Das stützt die Investitionstätigkeit von Unternehmen und privaten Haushalten."
Der Schweizer Franken wertete in einer ersten Reaktion gegenüber der Hauptexportwährung Euro spürbar ab. Während die Märkte einen Zinsschritt um 50 Basispunkte eingepreist hatten, waren von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen überwiegend von einer erneuten Senkung des Schlüsselzinses um 0,25 Prozentpunkte ausgegangen.
SNB SIEHT INFLATION 2025 GEGEN NULL SINKEN
Die SNB senkte die für ihre Zinsentscheidung maßgebliche Inflationsprognose für dieses und kommendes Jahr nochmals: Sie rechnet 2024 nun mit einem Anstieg der Verbraucherpreise um 1,1 Prozent, nachdem sie im September noch 1,2 Prozent veranschlagt hatte. 2025 dürften es nur noch 0,3 (bislang: 0,6) Prozent sein. 2026 wird dann eine Teuerung von 0,8 (bislang: 0,7) Prozent erwartet. Die Schweiz hat eine der niedrigsten Inflationsraten unter den großen Volkswirtschaften. Zwar stieg die Jahresteuerung im November leicht auf 0,7 Prozent, sie liegt aber weiterhin im unteren Bereich der von der SNB angepeilten Spanne von null bis zwei Prozent.
Die Notenbank geht dieses Jahr weiterhin von einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in der Alpenrepublik auf rund 1,0 Prozent aus. 2023 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch um 1,2 Prozent gestiegen. 2025 rechnet die SNB dann mit 1,0 bis 1,5 (bislang: rund 1,5) Prozent BIP-Zuwachs.
Nur wenige Stunden nach der SNB wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Zinsentscheidung veröffentlichen. Die Euro-Wächter um Notenbankchefin Christine Lagarde dürften Volkswirten zufolge den am Finanzmarkt maßgeblichen Einlagensatz um weitere 0,25 Prozentpunkte auf 3,00 Prozent senken.
Die Zinssenkung ist die vierte in Folge, seit die SNB im März die Zinswende eingeläutet hatte. Das dreiköpfige SNB-Direktorium entscheidet in der Regel viermal jährlich gegen Ende des Quartals über die Zinsen: Die nächste geldpolitische Lagebeurteilung ist für den 20. März 2025 anberaumt. Derzeit erwartet eine knappe Mehrheit von Volkswirten, dass der SNB-Leitzins im kommenden Jahr auf 0,25 Prozent oder sogar auf null sinken wird.
(Bericht von Paul Arnold, redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)