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Börsenweisheit: Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger…

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Börsenweisheit: Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger…

Auf dem Markt halten wir Ausschau nach den günstigsten Kartoffeln, bei größeren Anschaffungen wie einem Auto hoffen wir auf einen satten Rabatt. An der Börse machen es viele Anleger genau anders herum. Statt nach „Sonderangeboten“ Ausschau zu halten, kaufen sie oft erst, wenn die Kurse bereits stark gestiegen sind. Das zeigen auch die Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI). Während die Anleger in Crash-Jahren Reißaus nehmen, locken sie gute Börsenphasen und vor allem Rekorde an. Oder um es mit einer alten Börsenweisheit zu sagen: „Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger. Fallen die Kurse, gehen die Privatanleger.“ Es genau anders herum zu machen, wäre cleverer. Wer nämlich antizyklisch handelt, kauft billig und verkauft teuer. Und das ist an der Börse eine verdammt gut Idee.

Die meisten Anleger machen es aber leider anders. Für Chris-Oliver Schickentanz, Chef-Anlagestratege der Commerzbank, ist die Börsenweisheit deshalb sogar in doppeltem Sinne richtig. „Viele Privatanleger steuern ihre Aktienquote prozyklisch“, sagt er. Bei guten Nachrichten seien sie bereit, ihre Aktienbestände auszubauen. „Dies geschieht dann allerdings meist bereits auf einem erheblich gestiegenen Kursniveau, da die Börse gute Nachrichten antizipiert und schnell verarbeitet.“ Den gleichen Fehler machen Anleger oft bei fallen den Kursen. „Auf Rückschläge wird meist mit Zeitverzögerung reagiert und dann zum falschen Zeitpunkt verkauft“, so Schickentanz. „Dadurch nehmen viele Privatanleger nur einen Bruchteil der tatsächlich möglichen Performance von Aktien mit.“

Prozyklisches Handeln kostet Rendite, antizyklisches Investieren führt zu größerem Erfolg. Das mag in der Theorie sehr einleuchtend sein, braucht in der Praxis allerdings starke Nerven. „Nur wenige Privatanleger haben das nötige Sitzfleisch, um Aktieninvestitionen durchzuhalten“, bemängelt Schickentanz. „Statt einen Anlagehorizont von mindestens fünf Jahren einzuhalten, wird auf Rückschläge am Markt oftmals mit Panikverkäufen reagiert.“ Und das, obwohl das Geld zu diesem Zeitpunkt meist gar nicht benötigt werde, sondern in der Folge auf Tagesgeldkonten rumliege.

Und dort liegen bekanntlich Unsummen. Auch in Zeiten von Nullzinsen horten die Deutschen Billionen auf Sparkonten. Scheinbar sind aber doch einige zu der Einsicht gelangt, dass das keine gute Strategie ist. Denn das DAI zählte im vergangenen Jahr 10,3 Millionen Aktionäre und Aktienfonds-Besitzer, immerhin ein Plus von einer Viertelmillion. Gut jeder sechste Deutsche ist nun an der Börse investiert. Und das, obwohl 2018 das schwächste Börsenjahr seit Ausbruch der Finanzkrise war. Dass die Aktionärszahlen trotz der heftigen Korrektur im vierten Quartal gestiegen sind, überrascht Robert Halver nicht. „Das Aktienjahr 2018 war anfänglich ja noch freundlich gestimmt“, sagt der Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. Angesichts mangelnder Alternativen im Zinsbereich hätten sich dann viele Anleger für Aktienengagements entschieden, die ja auch in puncto Dividendenrenditen die Zinsseite weit hinter sich lassen würden. „Es gilt: Dividendenlust gegen Zinsfrust“, glaubt der Experte. „Und wenn Dich Dein Zins nicht liebt, wie gut, dass es Dividende gibt. Das laufende Einkommen kommt heute von der Ausschüttungsseite.“

An der Börse gelten andere Regeln als im Alltag

Auch Christian Kahler, Chefanlagestratege der DZ Bank, freut sich, dass die Zahl der Aktionäre in Deutschland gestiegen ist. Aber auch er bemängelt, dass der Aufbau der Bestände wieder einmal in einer Hausse erfolgt sei: „An der Börse gelten andere Regeln als im Alltag.“ Die Erklärung: Geht es bergauf, möchten Anleger natürlich dabei sein. „Der Verkauf zu fallenden Kursen hingegen wird durch den Fluchtreflex verursacht, der seit der Schöpfung im menschlichen Verhalten verankert ist“, erklärt Kahler. „Unsicherheit an den Märkten signalisiert dem Anleger: Das ist nicht schön - lass uns lieber flüchten.“ Allerdings stehe vor der Börse kein „anlegerfressendes Mammut“ und warte auf Häppchen. Es gehe „nur“ um Geld, nicht um Leib und Leben. „Anleger verhalten sich an der Börse überwiegend irrational, aber sie können eigentlich nichts dafür“, sagt der Experte der DZ Bank.

Die Frage ist natürlich auch, ob die Neu-Aktionäre wirklich überzeugt sind von ihren Investments? Gibt es ein echtes Umdenken? Oder haben sie diese Anlageklasse aus der Not heraus gewählt? „Selbst die zinspapierverliebten Deutschen haben mittlerweile erkannt, dass steigende Zinsen ein Phantom der Finanz-Oper sind“, sagt Halver. „Hohe Zinsen kommen nie mehr wieder, weil ansonsten unsere in Schuldenschönheit erstarrte Welt kollabieren würde.“ Weltweit steigen die Schulden. Selbst Deutschland wird wohl demnächst wieder Haushaltsdefizite haben. „Also halten die Notenbanken die Zinsen niedrig“, so Halver. „Damit ist die Schuldenkrise die Guthabenkrise der Zinssparer und der Weltspartag kein Freudentag mehr. Er ist längst zum Volkstrauertag geworden, wenn man sich die mickrigen Zinsen anschaut.“ Schließlich erkennen immer mehr Zinssparer, dass sie nach Abzug der Inflation negative Realzinsen erleiden. Die Kaufkraft ihres Ersparten schwindet – Monat für Monat. „Auf diese Weise entschuldet sich Vater Staat und die Zinssparer werden ‚entreichert‘“, bringt es Halver auf den Punkt. „Das hat mit Altersvorsorge nichts mehr zu tun, das ist Altersentsorge. Die Happy Hour für die Finanzminister ist die Höllen-Zeit für Zinssparer.“

Für die Aktienanlage hingegen gibt es viele Argumente. „Das wichtigste ist, dass die Aktienkurse über lange Zeit die Inflation deutlich schlagen“, sagt Kahler. „Deutsche Standardwerte haben seit 1968 eine jährliche Rendite von 7,7 Prozent erzielt. Das entspricht einem Wertzuwachs von 4.395 Prozent!“ Argumente, die bei vielen Deutschen auf taube Ohren stoßen. Zu groß ist die Angst vor Kursschwankungen und möglichen Verlusten.

Die Lösung sind Sparpläne

Ein Dilemma, für das es aber eine Lösung gibt. Commerzbank-Experte Schickentanz empfiehlt das kontinuierliche Investieren, beispielsweise über einen monatlichen Fondssparplan. „So sichert man sich einen attraktiven Durchschnittskurs, löst sich von Timing-Entscheidungen und kann auf lange Sicht die überdurchschnittliche Rendite der Aktienanlage auskosten“, zählt er die Vorteile auf. Auch Halver kann Sparplänen viel abgewinnen. „Ach wie schön wäre es erst, wenn der Staat Aktiensparen angesichts der tickenden Zeitbombe Altersvorsorge fördern würde“, appelliert er an die Politik. „Denn unsere Nachkommen haben kein Auskommen mehr mit ihrem Zinseinkommen. Aber hier sind wir leider im Bereich der Utopie.“

Doch auch ohne staatliche Förderung sind Aktien- und Aktienfondssparpläne eine gute Sache, um mit kleinen Summen nach und nach ein Vermögen aufzubauen – vor allem langfristig. „Jeder halbwegs optimistische Anleger, der glaubt, dass die Welt in 30 Jahren fortschrittlicher sein wird als heute, sollte einen Großteil seines Vermögens in Aktien investieren“, sagt Kahler. „Das gilt insbesondere für junge Anleger, weil diese den Zinseszinseffekt länger nutzen können und in der Krise ‚dem Mammut die Stirn bieten‘ und kaufen können.“ Schließlich haben viele deutsche und natürlich auch internationale Unternehmen Kriege und Krisen durchstanden, weil Unternehmer langfristig und mit Plan handeln. Notenbankchefs und Politiker hingegen agieren kurzfristig, weil sie alle vier Jahre kommen und gehen. „Dies sollten sich Anleger zu Nutze machen, sei es durch regelmäßige Sparanlagen oder Einmalanlagen in nachweislich gute Aktienfonds“, so Kahler.

Bei all den guten Argumenten für Aktien und bei all den Leiden der Sparer hat Robert Halver wenig Hoffnung, dass aus den Deutschen langfristig investierende Aktionäre geworden sind oder noch werden. „Sollte es an den Aktienmärkten krachen, regiert wieder die Angst“, sagt er. „Dann nehmen die Aktionäre wieder Reißaus und dann gibt der deutsche Otto-Normal-Haushalt erneut mehr Geld für Bananen als für Aktien aus.“ Es mache aber keinen Sinn, hoch einzusteigen und dann tief auszusteigen. „Umgekehrt muss es sein. In der Aktienbaisse müssten die Aktionärszahlen geradezu explodieren“, appelliert er. „Dafür braucht man zwar etwas Geduld. Aber es lohnt sich: Der nächste Aktienaufschwung kommt so sicher wie der nächste Bus.“ Die alte Börsenweisheit würde er deshalb übrigens anpassen: Fallen die Kurse, sollten die Privatanleger kommen…

Autor: Jessica Schwarzer

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Titelfoto: Everett Collection / Shutterstock.com

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