Inflation - Das Comeback des Jahres 2021?

Robert Halver

Inflation - Das Comeback des Jahres 2021?

Es war eines der größten Comebacks in der Sportgeschichte. Nach sieben Jahren holte sich Boxlegende Muhammad Ali 1974 den Weltmeistertitel im Schwergewicht zurück. Seit sieben Jahren fallen auch die europäischen Inflationserwartungen. Doch erwarten viele hier ebenso ein fulminantes Comeback im nächsten Jahr.

Tatsächlich wird die klassische Geldtheorie Lügen gestraft. Obwohl die Liquiditäts-Treffer der EZB wie Kinnhaken wirken, haben sie bislang noch nicht zu einem Knockout durch Inflation geführt.

Schlagende Argumente für mehr Inflation?

Dennoch, 2021 soll die Inflation in Deutschland mit bis zu 10 Prozent zuschlagen.

Als Argument wird zunächst die Demographie bemüht. In der westlichen Welt führe die Überalterung der Bevölkerung zu teuren Verknappungen am Arbeitsmarkt und massiven Kostensteigerungen im Gesundheitswesen.

Daneben stoße die deflationäre Globalisierung, das Abweiden der weltweit günstigsten Standorte an ihre Grenzen. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Performance seien asiatische Schwellenländer längst keine Billigheimer mehr. Ebenso hätten die Corona-Pandemie und wachsender Protektionismus zur Folge, dass kritische Medizin- und Industriegüter zur Verhinderung von Abhängigkeiten wieder in den vergleichsweise teuren Industrienationen hergestellt werden.

Nicht zuletzt, nachdem Bürger lange in pandemischer Zwangs-Askese verharren mussten, käme es post-coronal zu massiven Konsumtreffern. Die aufgesparte Kaufkraft werde Reisebüros, Hotels und Restaurants keine Ruhe mehr lassen. Da diese Nachfrage nur auf ein begrenztes Angebot träfe - weil z.B. Flugzeuge stillgelegt wurden oder Gaststätten und Kneipen K.O. sind - wären Preissteigerungen die logische Folge.

Schließlich, da Anfang des nächsten Jahres auch noch die deutsche Mehrwertsteuer von 16 wieder auf 19 Prozent erhöht wird, komme 2021 eine Serie an rechten und linken Inflations-Haken auf die Volkswirtschaft zu.

Kommt die Inflation wirklich aus ihrer Deckung?

Natürlich wird es keinen Rückfall in geschlossene nationale Volkswirtschaften geben. Welthandel und international optimierte Arbeitsteilung sind definitiv nicht tot.

Insbesondere darf man die technologische Deflation nicht unterschätzen. In Industriebetrieben ersetzen Roboter immer mehr die Menschen. Sie verlangen keinen Urlaub, werden nicht krank, arbeiten 24/7, streiken nicht und wollen auch keine Lohnerhöhung. In der Tat sind Entlassungen von Facharbeitern trotz Kurzarbeitergeld keine Seltenheit mehr. Dies ist auch der Grund, warum Politiker längst über die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens nachdenken.

Auch viele Güter des alltäglichen Gebrauchs werden nicht nur grundsätzlich billiger, sondern immer leistungsfähiger, d.h. sie wirken zweifach anti-inflationär. Angesichts der Qualität z.B. heutiger Smartphone-Kameras überlegt sich ein Otto-Normal-Bürger heutzutage doch zweimal, ob er überhaupt eine teure Digitalkamera kaufen soll.

Sicher sind die Impfstoffe Lichter am Ende des dunklen Konjunktur-Tunnels. Doch bis die Bevölkerung durchgeimpft ist, wird es Monate dauern. Kaufkraft kommt also nicht in Form unbändiger Faustschläge eines Rocky Balboas auf die Konjunktur zu, sondern gemächlicher, eher im Rahmen eines Aufbaukampfs. Ohnehin wird so mancher Konsument seine Geldbörse aufgrund der unsicheren Beschäftigungssituation nur vorsichtig öffnen.

Ebenso lassen sich die weltweiten Produktionskapazitäten vielfach flexibel und zügig wieder hochfahren. So ist eine längerfristige Angebotslücke nicht zu befürchten. Und wenn es wieder Geld zu verdienen gibt, wird auch das Angebot zügig zurückkommen. Der Mensch ist ein Homo Oeconomicus.

Übrigens sind Rohstoffpreise mittlerweile müde Inflationskämpfer. Darbende Länder wie Brasilien sind dankbar für jede Tonne Kupfer, die sie verkaufen. Und die Opec, einst ein gefeierter Preisboxer, der uns das Inflations-Fürchten lehrte, ist heute ein in die Jahre gekommener Kirmesboxer. Ihre Förderkürzungen wirken nicht mehr wie Aufwärtshaken. Denn die anschließenden Förderausweitungen bei Fracking-Öl bringen die Energiepreise schnell wieder auf die Bretter.

Und da die Mehrwertsteuer nur ein preislicher Einmaleffekt ist, sind insgesamt die Risiken für ein Muhammad Ali-ähnliches Comeback der Inflation überschaubar.

Die Politik ist enttäuscht, dass die Inflation in den Seilen hängt

Die beispiellos üppigen Stimulierungsmaßnahmen in ganz Europa haben bislang nur eine Vermögenspreisinflation (Zinspapiere, Aktien, Immobilien, Gold, Bitcoin) losgetreten. Nicht auf Touren kommt dagegen die realwirtschaftliche Inflation, was dokumentiert, dass die Konjunktur - unabhängig von der Pandemie - nicht kampfbereit ist.

Unbedingt muss verhindert werden, dass die deflationäre Seite gewinnt. Ist die Wirtschaft erst einmal angezählt, werden Unternehmen und Konsumenten ihre Investitions- und Konsumaktivitäten einschränken, weil es morgen billiger ist. Und warum sollten sie morgen Geld ausgeben, wenn es übermorgen noch günstiger wird? In so einem Szenario ist vor allem der Kampf gegen die unfassbare Überschuldung einer von David gegen Goliath, aber leider mit anderem Ausgang.

Von daher wird in der ökonomischen Box-Arena weiter für Konjunktur und Inflation gekämpft.

Moderne Geldtheorie und digitale Währung als ultimatives Inflations-Doping

Dabei werden auch immer unorthodoxere Vorschläge präsentiert. So sei gemäß der sogenannten modernen Geldtheorie die Zeit gekommen, die Notenbank zum umfassenden, ja willfährigen Finanzierer staatlicher Ausgaben zu machen. Ohne Bonitätssorgen und hohe Zinskosten kann Vater Staat für seine Schutzbefohlenen Brei vom Himmel regnen lassen.

Besondere Wirkung erzielte dieses Instrument, wenn man den Bürgern diese Segnungen direkt auf ihre Smartphones sendet. Dann hätten die Bürger nur noch eine einfache Aufgabe: Das digitale Geld möglichst schnell auszugeben.

Dann - so wird behauptet - könnte man erfolgreich in zwei Boxringen gleichzeitig kämpfen. Einerseits werden Konjunktur und Beschäftigung kaltgestartet. Andererseits schlagen die so erzielten volkswirtschaftlichen Preishämmer die Schulden über Weginflationieren K.O. Es ist zu hoffen, dass so ein ökonomischer Radikal-Schwachsinn nie Realität wird.

Dennoch wird man in Europa möglichst über alle Runden gehen, um den Reflations-Kampf zu gewinnen. Die EZB wird dabei den Einpeitscher, sozusagen den Box-Promoter spielen.

So oder so, wir Anleger können uns gegen jeden Inflations-Knockout mit Sachkapital wehren: Aktien, Immobilien, Gold.

Übrigens, Sachkapital muss 2021 kein Comeback erleben, denn es ist bereits Dauer-Champion.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
Das könnte Sie auch interessieren
Expertenprofil
Robert Halver Robert Halver Leiter Kapitalmarkt­analyse, Baader Bank

Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums an der Universität Trier 1990 arbeitete Robert Halver zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen.Ab 1994 war Herr Halver bei der Privatbank Delbrück & Co für die Analyse von Aktiengesellschaften der Branchen Automobile, Telekommunikation, Medien und Versorger verantwortlich. Später formulierte er als Chefstratege die Anlagepolitik für die hausinternen Aktien- und Renten-Investments.

2001 wechselte Robert Halver als Direktor zur Schweizer Privatbank Vontobel. Neben der Erstellung der Anlagestrategie umfasste sein Verantwortungsbereich die Kundenbetreuung sowie die Öffentlichkeitsarbeit der Vontobel-Gruppe in Deutschland.

Seit 2008 ist Herr Halver bei der Baader Bank AG in Frankfurt am Main tätig. Als Leiter der Kapitalmarktanalyse ist er für die fundamentale Einschätzung der internationalen Aktien- und Rentenmärkte, von Währungen, Rohstoffen und Edelmetallen zuständig. In dieser Funktion ist er ebenso für die Außendarstellung der Baader Bank tätig.

Robert Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.

Kurs zu Goldpreis Rohstoff

  • 1.735,16 USD
  • +0,60%
02.03.2021, 18:49, Deutsche Bank Indikation
Alle Kolumnen von Robert Halver
alle Artikel anzeigen

Zugehörige Derivate auf Goldpreis (24.647)

Derivate-Wissen

Sie möchten in "Goldpreis" investieren?

Partizipationszertifikate geben Ihnen die Möglichkeit an der Kursentwicklung eines Rohstoffs teilzuhaben.

Erfahren Sie mehr zu Partizipations-Zertifikaten