Ist die Millennial-Generation zu optimistisch gegenüber dem Aktienmarkt?

Bernd Schmid

Wir haben bei The Motley Fool eine Umfrage unter all unseren deutschsprachigen Lesern zu den Effekten der Corona-Krise auf deren Denkweise rund um das Investieren gemacht. 

Ist die Millennial-Generation zu optimistisch gegenüber dem Aktienmarkt?

Eine der Fragen war, wie optimistisch sie aktuell in Bezug auf Investitionen in den Aktienmarkt sind. Die Antwort hat mich überrascht. Nur rund ein Viertel ist nicht optimistisch. Drei Viertel sind neutral bis optimistisch.

Ich habe die Befürchtung, dass das zum Nachteil für Anleger werden kann. Denn es kann noch schlimmer kommen, und damit Pessimismus einkehren - und damit der Verkauf von Aktien zu einem falschen Zeitpunkt. 

Denn selbst wenn es noch (deutlich) schlimmer kommen sollte, lohnt es sich, ein disziplinierter Käufer von Aktien zu sein. Ich beweise es am Ende des Artikels.

Der Optimismus ist weit verbreitet

Es könnte sein, dass der große Anteil an Optimismus bei der Befragung an der Stichprobe liegt. Denn wir bei The Motley Fool sind einfach grundoptimistisch (andernfalls würde das Investieren in Aktien keinen Sinn ergeben). Also dürften unsere Leser das auch sein.

Dieses Phänomen scheint aber nicht auf unsere kunterbunte, Foolishe Gemeinschaft begrenzt zu sein. Auch überdurchschnittlich viele Value-Investoren scheinen eher optimistisch als vorsichtig zu sein. Zumindest ist das mein Eindruck unter denen, von denen ich seit dem von der Geschwindigkeit her historisch einmaligen Einbruch der Börsen über Twitter, YouTube oder Podcasts gehört habe. 

Aber auch dort hört es nicht auf. Eine Umfrage unter amerikanischen Erwachsenen hat laut Statista ergeben, dass zwar die Mehrheit ihre Investitionen seit Ausbruch der Krise nicht angefasst haben. Ich würde allerdings erwarten, dass dies Anleger waren, die sowieso nicht sehr aktiv am Aktienmarkt sind.

Knapp ein Viertel der Befragten war hingegen aktiv. Und unter diesen gab es mehr Käufer als Verkäufer während der Krise. Also scheint es auch hier mehr Optimisten als Pessimisten zu geben.

Nun, grundsätzlich ist das der richtige Ansatz, der langfristig zum Erfolg führt. Aber dafür muss man auch genau das tun: langfristig investieren.

Hier kommt die Krux.

Besonders Millennials sind optimistisch

Mehr als die Hälfte der Netto-Käufer der Befragten waren Millennials. Diese haben gegenüber den Gen-Xern und den Baby-Boomern den Vorteil von noch mehr Zeit, die sie im Aktienmarkt verbringen können. Daher macht das auch Sinn.

Ich befürchte allerdings, dass die Erwartungshaltung von Millennials eine zu optimistische ist. Und dass diese Erwartungshaltung am Ende ein Hindernis zu den gewöhnlichen Renditen ist, die man am Aktienmarkt erreichen kann.

Konkret: Anleger sind es in den letzten Jahrzehnten gewöhnt, dass sich sowohl die Wirtschaft als auch die Aktienmärkte nach einer Korrektur oder einem Einbruch sehr schnell wieder erholen. Die klassische „V“-Erholung. 

Historische Wirtschafts- und Börseneinbrüche

In den letzten acht Jahrzehnten hatten wir keine Rezession, die länger als 18 Monate dauerte (das war die „Große Rezession“ von 2007). 

Neue Allzeithochs an den Aktienmärkten dauerten oft etwas länger. Aber auch dort ist man in den letzten Jahren trotzdem sehr verwöhnt worden.

Ich möchte nicht sagen, dass es dieses Mal anders kommen muss. Ohne konkret darauf einzugehen, kann man jedoch gute Argumente dafür finden. Zum Beispiel die Überschuldung im Unternehmenssektor, die Tatsache, dass man am Ende eines jahrzehntelangen Trends bei immer niedrigeren Zinsen angelangt ist, oder den gerade erscheinenden noch nie dagewesenen Wirtschaftsdaten aufgrund der Corona-Krise.

Darauf sollte man sich jetzt einstellen - besonders Millennials

Mir geht es jetzt nicht darum, schwarzzumalen.

Aber mir geht es darum, gewisse Entwicklungen nicht auszuschließen. Besonders gilt das für Millennials, von denen viele noch keine sehr emotionalen Erinnerungen an große Börsenturbulenzen haben dürften, weil viele erst nach der globalen Finanzkrise mit dem Investieren begonnen haben.

Immerhin haben jetzt alle, die seit mehr als ein paar Wochen investieren, schon einmal das Gefühl erlebt, das man hat, wenn das eigene Aktienportfolio um ein Viertel und mehr einbricht.

Nutzen wir diese Erfahrung jetzt als Chance.

Stellen wir uns vor, ein Rückgang unseres Aktienportfolios um 25 % ist nicht das Ende. Stellen wir uns vor, wir erleben exakt das Gleiche noch einmal (vielleicht nicht ganz so schnell, aber noch einmal 25 % vom heutigen Standpunkt aus).

Das tut noch einmal weh, nicht?

Und jetzt stellen wir uns vor, das Ganze passiert dann noch einmal.

Jetzt wissen wir alle, wie man sich als Anleger zum Tiefpunkt der globalen Finanzkrise gefühlt hat. So stark ist nämlich der S&P 500 damals vom damaligen Allzeithoch bis zum Tief gefallen.

Ganz schön hart, oder?

Was, wenn das noch nicht das Ende ist? 

Wir erleben den nächsten Verlust eines Viertels von unserem dann schon stark geschröpften Portfolio.

Und jetzt NOCH EINMAL ein Viertel davon.

So ungefähr haben sich Anleger von Technologie-Aktien im Jahr 2001 gefühlt.

Härter geht es nicht?

Noch einmal ein Viertel verlieren und dann noch einmal ein Viertel davon verlieren.

Unvorstellbar? Für uns ja. Für Anleger im Jahr 1929 genau die Erfahrung, die sie gemacht haben.

Bitte nicht das Investieren einstellen

Ich hoffe nicht, dass ich auch nur einen einzigen Leser davon überzeugt habe, seine Aktien zu verkaufen. Im Gegenteil, das langfristige Investieren lohnt sich! Auch während der großen Depression nach 1929 (ich beweise es gleich!). 

Es geht mir nur darum, dass man sich auch auf deutlich schlimmere Szenarien einstellt als diejenigen, die die meisten von uns in Erinnerung haben können. Und zwar, damit man nicht bei der nächsten Drittelung seines Aktienportfolios genau zum falschen Zeitpunkt aussteigt (oder nach der dann erfolgten nochmaligen Drittelung?).

Warum nicht? 

Ich zitiere aus dem Buch „The Intelligent Investor“ von Benjamin Graham:

„Wenn man Anfang September 1929 12.000 USD in den S&P 500 Aktienindex investierte, hätte man nach 10 Jahren nur noch 7.223 USD übrig. Wenn man damals hingegen mit läppischen 100 USD angefangen hätte und einfach jeden einzelnen Monat noch einmal 100 USD dazu investiert hätte, dann wäre dieses Geld bis August 1939 auf 15.571 USD gewachsen! Das ist die Macht des disziplinierten Kaufens - selbst unter Anbetracht der Großen Depression und des schlimmsten Bärenmarkts aller Zeiten.“

Ich hoffe, dass ich mit dem Artikel dazu beitragen konnte, dass alle von uns auch in den kommenden Jahren disziplinierte Käufer von Aktien sein können. 

Foto: Josep Suria / Shutterstock.com

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Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist Chefanalyst von The Motley Fool Deutschland und leitet den Newsletter Stock Advisor Deutschland mit dem Ziel, langfristig orientierten Anlegern zu helfen überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und bessere Anleger zu werden.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid ist CFA Charterholder, besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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