Kutzers Zwischenruf: Aktienanleger sollten weiter cool bleiben

Hermann Kutzer

Aktien bleiben international gefragt. Kein Zweifel. Die Börsenentwicklung wird weiterhin durch den Mangel an attraktiven Anlagealternativen getrieben. Mit diesen knappen Worten lassen sich die ersten Wochen des neuen Jahres zusammenfassen. Doch liefert das inzwischen erreichte Kursniveau den Profis Diskussionsstoff: Spielen die Bewertungsaspekte momentan tatsächlich keine Rolle? Wurde die gegenwärtig zu beobachtende Verbesserung der Aussichten für die Unternehmensgewinne bereits weitgehend vorweggenommen? Für Sie, geschätzte Anleger, geht es ja nicht allein darum, ob sich eine kurz- bis mittelfristig geplante Aufstockung des Depots noch lohnt. Denn wer mit Dow, Dax & Co. vorne liegt, wird vielleicht über Gewinnmitnahmen nachdenken. Und natürlich ist auch das Halten eine Alternative. Die Verschnaufpausen an den Aktienmärkten sind nach wie vor von nur kurzer Dauer. Rund um den Globus setzen die Kursbarometer ihren Aufwärtstrend fort, verbunden mit zum Teil neuen historischen Höchstständen. Trotz bereits offensiver Positionierung gibt es offensichtlich genügend Anleger, die auf Gelegenheiten warten, neu in den Markt einzusteigen oder Positionen auszubauen, beobachten die Analysten der Helaba. So scheinen inzwischen auch zuvor ausgesprochen sicherheitsorientierte Investoren bereit zu sein, ein höheres Risiko einzugehen. Es gibt aber auch fundamentale Lichtblicke. So erhalten Aktien Unterstützung durch überwiegend positive Überraschungen bei den Quartalsberichten der Unternehmen.

Aus dem S&P500 haben inzwischen fast 75 % Ergebnisse vorgelegt. Rund 80 % davon lagen über den Erwartungen. Aus dem Dax haben bislang erst 20 % berichtet, alle wiesen höhere Nettoergebnisse aus als im Vorfeld erwartet. Entsprechend werden die Gewinn-Schätzungen für die kommenden zwölf Monate weiter nach oben revidiert. Da gleichzeitig auch die Notierungen gestiegen sind, hat sich die Bewertungssituation jedoch nicht entspannt, schreibt das Research der Landesbank in einer aktuellen Betrachtung. So bewegt sich der Dax weiterhin leicht, der S&P500 deutlich oberhalb des langfristigen Normalbandes.

Allerdings scheinen Anleger für die Chance auf eine auskömmliche Rendite bereit zu sein, länger als bislang erwartet ein erhöhtes Bewertungsniveau zu akzeptieren. Zwar bleiben Aktien damit grundsätzlich anfällig. Solange jedoch die großen Notenbanken weiterhin das System mit Liquidität fluten und auch die Fiskalpolitik mit riesigen Ausgabenprogrammen Wirtschaft und Haushalte stützt, dürften die positiven Wachstumserwartungen von den Marktteilnehmern nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Schließlich eröffnen rückläufige Infektionszahlen in vielen Ländern und fortschreitende Impfungen eine positive Perspektive, auch wenn Lockerungen zum Teil noch auf sich warten lassen. Insgesamt dürfte sich die Abgabebereitschaft der Marktteilnehmer somit vorerst in Grenzen halten.

Das von mir geschätzte Helaba Research hebt daher insbesondere seine kurzfristigen Aktienprognosen leicht an, aber: Unser Jahresendziel für den Dax bleibt mit 14.000 Punkten unverändert (ich bleibe unverändert bei der Marke 15.000). Da in den aktuellen Notierungen bereits ein sehr optimistisches Wachstumsszenario unterstellt ist, steigt die Gefahr von negativen Überraschungen. Breite Neuengagements sind aufgrund des aus fundamentaler Sicht begrenzten Aufwärtspotenzials nicht zu empfehlen. Es besteht jedoch derzeit auch kein Anlass, die Aktienquoten zu reduzieren.

Also bleiben Sie cool, liebe Leser! Als Befürworter meiner (selbst formulierten) „Bisschen-Taktik“ schlage ich allerdings vor, über einzelne Maßnahmen nachzudenken: Wo extreme Gewinne in den Büchern stehen, kann man darüber nachdenken, diese zumindest teilweise zu realisieren - betont langfristige Depots ausgenommen. Und wer sein Portfolio breiter aufstellen möchte, sollte sich in asiatischen Schwellenmärkten (vor allem in China) umsehen. Überhaupt bleibt es reizvoll, sich aktiv als Stockpicker zu betätigen.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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