Kutzers Zwischenruf: Einen stabilen Aktientrend wird es so schnell nicht geben

Hermann Kutzer

Was wir seit Montag erleben, kann sich in ähnlicher Weise noch einige Zeit fortsetzen. Dabei meine ich mehr als nur ein paar Wochen, sondern einen mittelfristigen Horizont von etwa ein bis drei Jahren. Überzeugende Börsenprognosen mit konkreten Zahlen bringen momentan nicht viel, denn wir müssen davon ausgehen, dass die Unsicherheit der Märkte weiterhin kommt und geht - dementsprechend sind sich führende Strategen einig, dass sich die Anleger auf hohe Volatilität und differenzierte Kursentwicklungen einstellen müssen.

Es kommt auf einen Durchbruch bei den aktuellen Herausforderungen an, auf Anregungen, die großen Teilen der Gesellschaft - insbesondere der Wirtschaft - wirklich helfen würde. Eine Erkenntnis: Das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahlen spielt für immer mehr einflussreiche Marktteilnehmer nicht mehr die ganz große Rolle. Der alles überragende Impuls wird darin bestehen, dass sich die Gesellschaft an das Virus anpasst und das normale Leben wieder aufgenommen werden kann. Die Impfstoffnachrichten in dieser Woche haben uns diesem Szenario zumindest einen Schritt nähergebracht. Dazu Grüner Fisher Investments: Sobald die Unternehmen mehrheitlich zu ihrer normalen Geschäftstätigkeit zurückkehren können, springt die Weltwirtschaft wieder an - dazu braucht es keine Schützenhilfe vom US-Kongress.

Was können die Sentiment-Analysten an der Börse Frankfurt beobachten? Stärker als die der Profis ist in den vergangenen Tagen die Reaktion bei den Privatanlegern ausgefallen, die in der Vorwoche längst nicht so optimistisch wie ihre institutionellen Pendants gewesen waren. Der Börse Frankfurt Sentiment-Index dieses Panels springt um 14 Punkte nach oben auf einen neuen Stand von +25. Dabei kann man angesichts der Stimmungsveränderung durchaus von einer kleinen Kapitulation der Bären sprechen, deren Anteil innerhalb des Panels auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr gefallen ist. Mit der Befragung vom gestrigen Mittwoch liegen die Sentiment-Indizes der privaten und der institutionellen Investoren fast gleichauf, wobei der Optimismus der Privatanleger so hoch ist wie zuletzt Ende November 2019!

Naturgemäß stellen Sentiment-Werte in der derzeitigen Höhe einen Belastungsfaktor für den Dax dar. Aber ist dieser Optimismus tatsächlich überbordend? Nicht wirklich, beruhigt der damit befasste Verhaltensforscher Joachim Goldberg. Ein Argument: Auf die relative Sicht von sechs Monaten ist der Optimismus gegenüber der Vorwoche praktisch unverändert hoch geblieben. Damit wird gleichzeitig erkennbar, dass sich der Dax-Anstieg weniger heimischen Quellen entsprungen ist, sondern zumindest in der vergangenen Woche auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland zurückgeführt werden kann. Die derzeitige Situation des Dax ist auf jeden Fall nicht ganz ungefährlich, da zusätzliche Nachfrage nur auf erheblich niedrigerem Niveau zu erwarten ist - möglicherweise erst bei 12.700 Zählern. Dennoch gilt: Sentimenttechnisch gesehen wäre es wohl noch zu früh, jetzt das Ende der Aktienmarktrally zu verkünden. Geduld ist angesagt.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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