Kutzers Zwischenruf: Erwartungen zurückschrauben und Wall Street vergolden

Hermann Kutzer

Unser Dax hält sich wacker. Er ist zwar kein Favorit internationaler Investoren, doch könnte er sich angesichts der miesen Nachrichtenlage durchaus ein größeres Stück von den Gipfelhöhen abseilen. Aber selbst die schlechter als erwarteten ZEW Konjunkturerwartungen sind kein Schock für die Börsianer: Der monatlich berechnete Indikator des Mannheimer Forschungsinstituts ist jetzt deutlich zurückgegangen - insbesondere gilt das für die Erwartungen. Aber auch die Einschätzung der konjunkturellen Lage für Deutschland hat sich gegenüber dem Vormonat verschlechtert.   Besonders stark sinken die Einschätzungen zur Entwicklung der exportintensiven Sektoren. Zudem entwickelte sich die deutsche Wirtschaft Ende 2019 sowie zu Beginn des neuen Jahres schlechter als erwartet. Also eine fragile Wirtschaftssituation. Kein Wunder.

Gleichzeitig reiben sich Wall-Street-Fans die Hände, denn von der anderen Seite des großen Teichs mehren sich trotz einzelner Bad News die optimistischen Einschätzungen. Schreibt mir vorhin der Deutsche-Bank-Chefstratege: 70 Prozent der S&P-500-Unternehmen haben bisher ihre Bilanzen für das vierte Quartal vorgelegt. Nachdem zu Beginn der Berichtssaison für den US-Leitindex noch ein Gewinnrückgang im Vorjahresvergleich prognostiziert wurde, erwarten die Analysten wegen der positiven Überraschungen nun einen Zuwachs von 2 Prozent. Dass sich die Gewinnschätzungen von den negativen Revisionen im Vorfeld der Berichtssaison erholen und der Gewinnverlauf die Form eines Angelhakens annimmt, ist typisch. Meist liegen die Wachstumsprognosen der Analysten 3 bis 4 Prozentpunkte zu niedrig. Übrigens weisen sieben der zehn Sektoren des S&P 500 einen Gewinnzuwachs auf. Versorger (+33 Prozent) und Technologiewerte (+11 Prozent) führen das Feld an. Das bestätigt meine zunehmend zuversichtliche Einschätzung der Aussichten von US-Aktien nicht zuletzt durch Trump-Impulse für die Wirtschaft.

Außerdem berichten mir internationale Berater von hoch vermögenden Privatkunden, dass diese als Folge der Unsicherheit durch die Virus-Pandemie Teile ihres Aktienportfolios in Goldinvestments umschichten - und zwar in großem Stil. Gefragt sind zudem Top-Immobilien in als sicher geltenden Ländern. Man sucht also ein hohes Maß an Sicherheit, ohne auf attraktive Wertsteigerung verzichten zu wollen. Nachvollziehbar, aber oft eine Illusion. Ich würde die Performance-Erwartungen erst einmal zurückschrauben. Geduld und Demut sind jetzt angesagt. Dabei ist eine Kombination von US-Aktien und Gold für frisches Geld wahrscheinlich nicht der schlechteste Weg.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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07.04.2020, 23:09, außerbörslich
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