Kutzers Zwischenruf: Neue Regierung = neue Chance

Hermann Kutzer · Uhr (aktualisiert: Uhr)

Neue Bundesregierung, alte Pattsituation - eine müde Demokratie? Für die Finanzmärkte ist die Politik nur selten ein wichtiges Thema. In diesem Jahr sind ohnedies die Corona-Pandemie und ihre Folgen das alles überschattende Thema. Analysten haben sich mit der Berliner Ampel bisher kaum befasst. Auch von Strategen aus dem Ausland kommen bisher kaum Stellungnahmen zur neuen Regierungsbildung. Deshalb greife ich eine ausführliche Beurteilung durch die internationale Vermögensverwaltungsgesellschaft Grüner Fisher Investments auf, um sie mit meiner Einschätzung zu vergleichen.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat immerhin sein erstes kleines Ziel erreicht, die Regierungsbildung noch vor Weihnachten abzuschließen. „Ansonsten lässt die neue Agenda vermuten, dass größtenteils der Status quo fortgeschrieben wird,“ meint Thomas Grüner, Gründer und Vice Chairman von Grüner Fisher Investments. Denn die offiziellen Pläne der Ampel-Koalition seien nur noch ein Schatten der Wahlversprechen der einzelnen Parteien. Widerspruch. Tempo und Gesprächsklima der Koalitionsgespräche sind viel mehr als nur ein kleines Ziel. Und die strategischen Übereinstimmungen machen Mut.

Dann spricht der Asset Manager von „endlosen Debatten“ und dass „weiterhin wichtige Initiativen verwässert werden“. In erster Linie bedeute dies, dass die neue Regierung keinen komplett neuen Kurs einschlage, sondern sich in politischen Pattsituationen wiederfinden werde. Für viele Wähler, die sich aus dem Wahlkampf heraus viel erhofft hätten, stelle diese erzwungene Mäßigung eine Enttäuschung dar. Widerspruch. Ein Großteil der Bundesbürger hegt (zu Recht!) die Hoffnung, dass die Ampel an schwierigen Plätzen auf grün springen wird.

Grüners Fazit: „Insgesamt schätzen wir die Bemühungen der neuen Regierung nicht als grundlegenden Kurswechsel im Vergleich zur Großen Koalition unter Merkel ein.“ Viel eher sei eine gewisse Kontinuität zu beobachten, in Bezug auf innerparteiliche Differenzen und strukturelle Uneinigkeit innerhalb der Regierungskoalition. Der Ampel-Koalition werde es nicht gelingen, die politische Pattsituation in Deutschland aufzulösen. Eher im Gegenteil: Die ausgeglichene politische Landschaft mit einer starken Opposition und hohem Potenzial für Uneinigkeit innerhalb der Regierung erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass aus dem „frischen Wind“ ein „laues Lüftchen“ wird. Tendenziell würden große Veränderungen, die Aussicht auf substanzielle Umverteilungen und sonstige politische Unsicherheiten von den Märkten negativ aufgenommen. Somit sei der politische Stillstand am Ende positiv für den deutschen Aktienmarkt.

Ein letzter Widerspruch meinerseits: Ich befürchte keinen „politischen Stillstand“, sondern setze auf den „frischen Wind“. Und genau der sollte der deutschen und europäischen Wirtschaft (und damit dem Aktienmarkt) den Rücken stärken. Für mich ist die neue Berliner Koalition eine neue Chance.