Kutzers Zwischenruf: Total normal

Hermann Kutzer

Kann es sein, dass Zinsen und Inflation noch (weiter) leicht steigen, dann verharren und auf diesem Weg die Aktienmärkte zeitweise irritieren? Klar, so kann es kommen, aber sicher sind diese Trends nicht. Für den Dax wäre das die Aussicht auf uneinheitliche Bewegungen mit dem Ziel irgendwo zwischen 14.000 und 15.000 Punkten - jedenfalls ein neuer historischer Höchststand. Das wäre nicht spektakulär und würde kurzfristig orientierte Aktienanleger wahrscheinlich enttäuschen. Doch wäre das eine Etappe langsamer Rückkehr zur Normalität in Europa. Man könnte solchen Marktverlauf auch als „total normal“ einordnen. Also kein Grund für ängstliche Unruhe.

Einige internationale Analysten und Fondsstrategen bemühen sich jetzt um Gelassenheit, indem sie dem weiteren Jahresverlauf die denkbare Dramatik nehmen. Denn die Märkte finden langsam wieder zur Normalität zurück: Es herrschen (seltene) paradiesische Zustände, bei denen die Zinssätze positiv, das Wachstum kräftig und die Inflation gemäß dem Mantra der EZB „nahe, aber unter 2 %“ sind. Doch das ist erst der Beginn der Normalität, denn vorerst bleibt ein Großteil der europäischen Zinssätze negativ. Vor allem bleiben die Realzinsen (Nominalsätze abzüglich Inflation) weiterhin unter 0 % festgefroren, denn die erwartete langfristige Inflation in der Eurozone beträgt gegenwärtig rund 1,3 % (1) und liegt somit deutlich über den meisten Zinssätzen der Staatsanleihen dieser Region.

Das Tauwetter hat seinen Ursprung allerdings nicht in der Eurozone, sondern in den USA. Die 10-jährigen Zinssätze sind von nahe 0,90 % zum Jahresanfang auf kürzlich mehr als 1,50 % und somit auf ihr Niveau vor der Coronakrise gestiegen. Die Kombination aus rückläufigen Infektionszahlen und einer bei der Inflationssteuerung flexibleren Geldpolitik sowie einer seit dem Amtsantritt von Joe Biden äußerst voluntaristischen Haushaltspolitik lässt für 2021 eine starke Wachstumsbeschleunigung, eine steile Konsumerholung und eine Normalisierung der Inflation erwarten. So sehen es jedenfalls die Vordenker der bedeutenden französischen Fondsgesellschaft LFDE. In Europa gibt es genauso viele Signale, allerdings auf deutlich schwächerem Niveau. Wie bei den Impfungen, der Digitalisierung und in vielen anderen Bereichen konnte die Eurozone von der Verbesserung in Übersee nur profitieren.

Kann diese Entwicklung noch weitergehen? Es wäre lauf LFDE auf jeden Fall wünschenswert! Auch wenn der Schmerz für die Aktionäre der teuersten Aktien und die Gläubiger, deren Anlagen an Wert verlieren würden, dann groß wäre. Aber wäre dieser vorübergehende Schmerz, der vor allem überbewertete Titel - und möglicherweise andere Bereiche durch Ansteckung - beträfe, nicht einem schlechten Status quo vorzuziehen? Die Rückkehr zu positiven Zinssätzen würde der Wirtschaft die Befreiung aus einer absurden Lage ermöglichen, in der die Staaten und die besten Unternehmen dafür bezahlt werden, wenn man ihnen Geld leiht.

Total normal wäre auf Basis der jüngeren Geschichte aber auch, wenn sich Inflationsraten und das Nahe-Null-Zinsniveau bei uns auf absehbare Zeit nicht wesentlich verändern würden. Profiteur bliebe auch dann der Aktienmarkt - selbst wenn der Anstieg von Dax und anderen großen Indizes erlahmen, zumindest

schleppender würde. Der Reiz des Stockpickings bleibt, wie die heftigen Einzelbewegungen in beide Richtungen als unmittelbare Folge neuer Nachrichten heute schon zeigen. Der Aktienmarkt bleibt „hochinteressant“, bleibt also auch „hoch interessant“ - je länger desto besser!

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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