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Kutzers Zwischenruf: Zwischen Null-Zinsen und politischen Krisen – Kann Börse da noch Spaß machen?

Hermann Kutzer

„Ich mach‘ heute nichts mehr“, schimpfte ein Aktienhändler am Freitagnachmittag beim Verlassen der Börse. Nachvollziehbar. Stimmungskiller waren weniger Zeitpunkt und Ausmaß des Schwächeanfalls gewesen, als vielmehr das Warum, als die jüngsten Entwicklungen im Umfeld der Börse. Dafür sind einflussreiche Köpfe verantwortlich - maßgeblich Donald J. Trump, aber nicht nur der. Die Aktienmärkte erinnern den Beobachter immer mehr an Wettveranstaltungen. Und der aktive Privatanleger, der kurz- bis mittelfristig erfolgreich sein möchte (= Rendite in ein bis zwei Jahren), kann sich eigentlich auf nichts mehr verlassen, sondern muss bereit sein, auf wichtige Einflussfaktoren mit einem Ja oder Nein zu setzen: Wird Rezession vermieden? Konjunkturerholung noch 2019? Bald weitere Zinssenkungsschritte und Liquiditätshilfen der Notenbanken? Können die internationalen Handelskonflikte bald gelöst werden? Usw.

Dabei sollten auch historische Vergleiche stets mit Vorsicht für die eigenen Strategien herangezogen werden, weil es mitentscheidende Unterschiede zwischen gestern und heute gibt. Die Analysten der Helaba haben zurückgeblickt und dabei vor allem die Zusammenhänge zwischen Zinsen und Konjunktur untersucht. Sehr interessant für Sie, geschätzte Anleger! Deshalb hier die wesentlichen Erkenntnisse.

Seit 1987 gab es sechs Zinssenkungsphasen, drei relativ kurze (1987, 1995, 1998) und drei lange (1989, 2001, 2007). Letztere gingen jeweils mit Rezessionen einher. Wie reagierten Aktien in diesen Phasen? Zwölf Monate nach der ersten Zinssenkung notierte der S&P 500 in vier von sechs Fällen zum Teil deutlich im Plus. Lediglich in den Zyklen 2001 und 2007 mussten Aktien trotz massiver Zinssenkungen deutliche Kurseinbußen hinnehmen. Vereinfacht kann man also sagen: Kommt es zu einer Rezession, stehen auch die Chancen für Aktien schlecht. Waren die Zinssenkungen dagegen lediglich „Versicherungsschritte“ gegen einen Abschwung, wie dies offenbar auch derzeit der Fall ist, legte der S&P 500 zu.

Daher werden Erinnerungen an 1995 und 1998 wach. Nach diesem Kursmuster könnte der S&P 500 auf Sicht der kommenden zwölf Monate noch rund 25 % zulegen. Wie realistisch ist aber ein derart deutlicher Anstieg? Unter Bewertungsgesichtspunkten ist die aktuelle Situation nicht mit 1995 zu vergleichen, da der S&P 500 damals noch deutlich günstiger war als heute. Bliebe noch 1998 als Referenzzyklus. Damals war der S&P 500 ähnlich hoch bewertet. Dennoch konnten Aktien bis Frühjahr 2000 zulegen. Globalisierungsboom und New Economy-Fantasie entfachten eine Spekulationsblase (erinnern Sie sich noch an den im März 2000 geplatzten Neuen Markt?). Dem folgte eine Halbierung des S&P 500 bis Herbst 2002.

Fazit der Landesbank-Strategen: Eine Wiederholung ist weder wünschenswert noch sonderlich wahrscheinlich. Schließlich fehlt diesmal eine positive Investmentidee. Vielmehr hängen ein drohender Handelskrieg und zunehmender Protektionismus wie ein Damoklesschwert über den Märkten. Dagegen sprechen Anlagenotstand und die gegenüber Staatsanleihen noch günstige Bewertung selbst von US-Dividendentiteln für weiter steigende Notierungen. Die große Unbekannte ist und bleibt aber das Thema Handelsstreit. Weitere Eskalationsstufen könnten Aktien vermutlich nicht verkraften. Ich möchte ergänzen: Auch die Geopolitik, die Machtpolitik wirkt zunehmend bedrohlich, ist zu einem Risikofaktor geworden. Beachten Sie also auch für Anlageentscheidungen Themen wie die Krise am Persischen Golf und Aufrüstung der Weltmächte mit dem Säbelrasseln von Russen und Amerikanern! Gut vorstellbar, dass der Goldpreis weiter steigendes Interesse signalisieren wird.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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