Löhne werden zum Inflationstreiber

Stefan Riße

Neben dem technischen Fortschritt und der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer - dies habe ich an dieser Stelle schon häufiger thematisiert - war auch die Demografie eine starke Inflationsbremse in den vergangenen Jahren, zumindest in den alten Industrieländern. Während die immer günstigeren Produktionsmöglichkeiten auf der Angebotsseite inflationshemmend wirkten, wirkte die Demografie auf der Nachfrageseite preisdrückend. Es ist eben ein Naturgesetz, das ältere Menschen weniger konsumieren, abgesehen von der Nachfrage nach medizinischer Versorgung. Junge Menschen hingegen müssen sich mit dem Heranwachsen zunächst alles anschaffen und nicht nur für sich, sondern auch für die eigenen Kinder. Das Wachstum war daher eher unterdurchschnittlich. Es ist aber nicht nur die immer älter werdende Gesellschaft, sondern auch die dadurch bedingte Schrumpfung der Bevölkerung für das geringe Nachfragewachstum verantwortlich. Japan ist hier am schlimmsten betroffen, in Europa ist es besonders Deutschland. Der Volkswirt spricht daher auch vom Potenzialwachstum einer Volkswirtschaft, das sich vor allem aus ihrem Bevölkerungszuwachs ableiten lässt. Der Faktor Demografie könnte sich nun aber zu einem Inflationstreiber wandeln.

Uns gehen die Arbeitskräfte aus

Zunächst sorgt eine alternde und schrumpfende Gesellschaft für weniger Nachfrage wie beschrieben. Kommt es jedoch nicht zu Einwanderung, ist absehbar, dass irgendwann nicht mehr genug Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Deutschland leidet schon jetzt unter einem massiven Fachkräftemangel. 2030 werden seriösen Schätzungen zufolge drei Millionen Fachkräfte in Deutschland fehlen. Beklagt wird dies schon lange, und mittlerweile sind auch Lohnsteigerungen deutlich über der Inflationsrate an der Tagesordnung. Und dies dürfte erst der Anfang sein. Auch hier setzt sich – wenn auch mit etwas Verzögerung – das Prinzip von Angebot und Nachfrage durch. Es sind vor allem die naturwissenschaftlichen Berufe, in denen Leute fehlen, aber auch im Pflegebereich – die Coronakrise hat unseren Fokus darauf gelenkt – fehlen massenhaft Leute. Das ist ein knochenharter Job, den nicht viele machen wollen, vor allem nicht bei dieser miserablen Bezahlung. Ergo wird sie steigen müssen bei immer mehr alten Leuten, die zu pflegen sind.

Löhne schlagen sich in der Inflation nieder, unabhängig von Überkapazitäten

Fraglos haben wir nach wie vor Überkapazitäten im Produktionsbereich weltweit. Abgesehen von der Corona-bedingten Unterbrechung von Lieferketten ist fast alle Ware jederzeit schnell und auch mit steigendem Volumen erhältlich. Das hat die Preise tief gehalten. Doch der Preis für ein Produkt setzt sich nicht allein aus Angebot und Nachfrage am Markt zusammen, sondern auch aus seinen Produktionskosten. Mag sein, dass zwischenzeitlich und bei Sonderverkäufen Waren auch unter ihren Produktionskosten verkauft werden, längerfristig würde dies aber logischerweise jedes Unternehmen in die Pleite führen. So müssen grundsätzlich jedes Produkt und jede Dienstleistung mal mindestens zu ihren Produktionskosten verkauft werden. Steigen die Produktionskosten aufgrund steigender Löhne, steigen auch die Endprodukte im Preis. Da ist es egal, ob ein Überangebot existiert oder nicht. Dieses hält allenfalls die Gewinnmargen klein, aber nicht die Löhne, wenn keine Arbeitskräfte mehr zu finden sind.

Dienstleistungen sind nur bedingt zu globalisieren

Das Mobiltelefon, der Fernseher, der Computer und auch die Sportschuhe sind so günstig, weil sie fast ausschließlich nur noch in Billiglohnländern gefertigt werden. Diese Produkte in Container zu laden und zu verschiffen, macht sie trotz dessen noch günstiger, als sie in den alten Industrieländern herzustellen. Bei Dienstleistungen sieht es anders aus. Zum Friseur nach Shanghai fliegen, wird auf jeden Fall teurer als sich in Deutschland die Haare schneiden zu lassen. Das gleiche betrifft den

Restaurantbesuch. Und ein alter Mensch in Deutschland braucht eine Pflegekraft, die hier lebt, Die muss dann hier aber auch ihr Auskommen und damit einen entsprechenden Lohn haben. Hier schlägt die Lohninflation dann eins zu eins durch.

Auch der Lohn für die Nicht-Fachkräfte wird steigen müssen

Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker aufgespaltet in die zum einen hoch und gut Qualifizierten, die am Wirtschaftsaufschwung teilnahmen, und die weniger Qualifizierten, die aufgrund der Verlagerung von Jobs ins Ausland und der Automatisierung teilweise schlecht bezahlte Jobs im Dienstleistungssektor annehmen mussten. Hier herrscht nicht so sehr ein Mangel an Arbeitskräften, wenngleich vor der Coronakrise auch so mancher Gastronom über mangelndes Personal geklagt hat. Doch auch in diesem Lohnsegment werden die Löhne steigen müssen. Hier dürfte die Politik der treibende Faktor werden. Die Spaltung der Gesellschaft ist kein Zufallsprodukt, der wieder stärker aufflammende Rassismus in den USA kein zufälliger Zeitgeist. Die Ursachen sind wie fast immer wirtschaftlicher Natur. So war es schon in der Weimar Republik. Massenarbeitslosigkeit und Verelendung führten uns in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Diejenigen, die das Kapitol zu stürmen versuchten, sind die Speerspitze einer gesellschaftlichen Gruppe in den USA, die sich im Wesentlichen aus Menschen speist, die in den vergangenen 20 Jahren einen wirtschaftlichen Abstieg erlebt haben. Der Vater, der arbeiten geht, die Mutter, die zu Hause bleibt und auf die aus der Schule kommenden Kinder wartet, diese Vision ist Vergangenheit. Beide Eltern müssen in der Regel arbeiten und teilweise mehr als einen Job machen, um die Familie durchzubringen mit einem Lebensstandard, der als gesellschaftlich akzeptiert gilt. Es mag in den USA extrem sein, wir sehen aber ähnliche Entwicklungen auch in anderen Ländern und auch hierzulande. Die Bewegung hin zu extremistischen Parteien ist ein Phänomen der gesamten westlichen Welt. Mit der Abwahl Donald Trumps enden diese Probleme nicht. Sie müssen gelöst werden und können nur gelöst werden, wenn auch die weniger Qualifizierten wieder mehr Teilhabe am Aufschwung erleben. Dies wird entweder über eine massive Umverteilung durch Maßnahmen wie ein Bürgergeld funktionieren. Das wird aber nur gehen, wenn die gut Qualifizierten so viel verdienen, dass sie entsprechend viel abgeben können. Oder es kommt beispielsweise zu einer massiven Anhebung der Mindestlöhne. In einigen US-Bundesstaaten passiert dies gerade in Größenordnungen um zehn Prozent. Andernfalls droht diese Bewegung noch stärker zu werden und alle westlichen Gesellschaften weiter in die Spaltung zu treiben.

So oder so, am Ende steht uns mehr Lohninflation in den nächsten Jahren bevor. Der Niederschlag in den Verbraucherpreisen ist nur noch eine Frage der Zeit. Dies wird viele überraschen, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier und die Inflationsraten sind nun schon so lange tief, dass viele sich eine Inflation deutlich über zwei Prozent gar nicht mehr vorstellen können. Anleger sollten sich dementsprechend positionieren und noch stärker auf Sachwerte setzen, zu denen auch Aktien gehören.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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