Studie - Für Klimaziele 2030 Mehrinvestitionen von 860 Milliarden nötig

Reuters

Berlin (Reuters) - In Deutschland müssen einer großangelegten Studie zufolge 860 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden, um die Klimaziele für das Jahr 2030 zu erreichen.

"Das klimaneutrale Industrieland gibt es nicht zum Nulltarif", sagte der Präsident des Industrieverbands BDI, Siegfried Russwurm, am Donnerstag in Berlin. Der BDI hat die Machbarkeitsstudie in den vergangenen zwei Jahren zusammen mit der Beratungsfirma Boston Consulting Group (BCG) erstellt, rückgekoppelt mit Dutzenden Experten und Unternehmen. Ein gewaltiger Kraftakt sei nötig, sagte Russwurm. "Uns läuft die Zeit davon." Die nächste Regierung müsse dringend handeln. "Konkrete Entscheidungen sind überfällig."

In Berlin starten am Donnerstagnachmittag die Koalitionsverhandlungen von SPD, Grünen und FDP zur Bildung der ersten Ampel-Koalition im Bund. Vor allem die Grünen pochen dabei auf hohe Investitionen und klare Vereinbarungen für einen stärkeren Klimaschutz. Russwurm sagte, die Klimazuständigkeit der nächsten Regierung müsse beim Bundeskanzler gebündelt werden, also voraussichtlich Olaf Scholz von der SPD. "Klimaschutz muss Chefsache werden." Geplant ist, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 um 65 Prozent zu reduzieren - im Vergleich mit 1990. Bis 2045 soll Deutschland dann klimaneutral werden.

Die nötigen Mehrinvestitionen von 860 Milliarden Euro verteilen sich auf den Staat, Bürger und Unternehmen. Mehr als die Hälfte entfallen dabei auf die Bereiche Industrie und Energie. Hier seien vor allem Unternehmen gefragt, sagte BCG-Partner Jens Burchardt. In etwa die Hälfte der nötigen Investitionen seien schon angestoßen, für den Rest brauche es noch Anreize. Der Staat muss Russwurm zufolge vor allem in seine Infrastruktur investieren, was bis 2030 allein 240 Milliarden Euro kosten dürfte - unter anderem für bessere Stromnetze, mehr erneuerbare Energien, Ladesäulen, Wasserstoffkapazitäten und bessere Schienen.

"GELD ALLEIN SCHIEßT KEINE TORE"

Das werde aber nicht ausreichen: "Geld allein schießt keine Tore", sagte Russwurm. Der Staat müsse Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen. Zudem dürften Projekte nicht durch lange Klageverfahren aufgehalten werden, hier müsse es mehr Tempo geben. "Wir haben ein Umsetzungsproblem." Klimaneutralität bis 2045 sei technologisch machbar, ergänzte das frühere Siemens-Vorstandsmitglied. Ein höherer CO2-Preis allein werde es aber nicht richten, und auch keine zusätzlichen Abschreibungen auf Klima-Investitionen. "Wer das glaubt, ist bestenfalls naiv." Es brauche starke finanzielle Anreize für Investitionen. Lohnten sie sich nicht, blieben sie aus. Im Gebäudesektor gehe es vor allem um den Austausch von Öl- und Gasheizungen. Hier müssten die Fördertöpfe mehr als verdoppelt werden.

In der Industrie müssen die Produktionsprozesse in den Bereichen Stahl, Chemie, Zement und Kalk umgestellt werden. Die Elektrifizierung industrieller Wärmeprozesse werde zu einem deutlich höheren Strombedarf führen - ein Plus um 63 Terawattstunden im Jahr 2030, so Russwurm. "Das ist mehr als der heutige Strombedarf der Schweiz pro Jahr." Bis 2045 werde sich der Trend noch verstärken. BCG-Partner Burchardt zufolge sollte der Kohleausstieg bis 2030 und damit deutlich früher als bisher geplant über die Bühne gehen - wie es die Grünen wollen. In der Übergangsphase seien bis 2030 mehr als doppelt so viele Gaskraftwerke nötig, um erneuerbare Energien zu ergänzen und die Vorsorgungssicherheit zu gewährleisten. Sie müssten ein Jahrzehnt später dann auf Wasserstoff umgestellt werden können.

Alle Weichenstellungen müsse die neue Regierung gleich zu Beginn treffen, forderte Burchardt. "Wenn irgendwas davon nicht kommt, erreichen wir unsere Ziele in 2030 nicht." Russwurm ergänzte, Investoren und Unternehmen bräuchten vor allem Planungssicherheit. Alles andere sei Gift.

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