TUI rüstet sich mit Staatsgeld gegen den Worst Case

Reuters

- von Klaus Lauer

Berlin (Reuters) - Die Corona-Krise trifft den vom Staat geretteten Reisekonzern TUI schwer.

Das Tourismusgeschäft kam zwischen April und Juni wegen der Reisebeschränkungen fast komplett zum Erliegen, der Umsatz des einstigen Milliardengeschäfts brach um 99 Prozent auf knapp 72 Millionen Euro ein. "Mit der zweiten staatlichen Kreditlinie sind wir vorbereitet, falls die Pandemie im Tourismus erneut signifikante Auswirkungen hat", sagte TUI-Chef Fritz Joussen am Donnerstag mit Blick auf die wieder steigenden Infektionszahlungen und neuen Reisewarnungen. Noch sei unklar, ob man das Geld brauche. "Es ist wichtig, dass wir für den Worst Case gewappnet sind." Um die hohen Schulden abzubauen und die Finanzstruktur langfristig zu stärken, erwägt TUI auch eine Kapitalerhöhung und Verkäufe von Firmenteilen.

Der Bund erhöhte wegen des immer noch weitgehend brachliegenden Tourismusgeschäfts die Staatshilfen für TUI um 1,2 Milliarden auf drei Milliarden Euro. Um in der Corona-Krise gegenzusteuern will der Konzern rund 8000 der etwa 70.000 Stellen streichen und die Kosten um 30 Prozent oder 300 Millionen Euro jährlich senken. Allein die Flotte der Airline Tuifly soll von 39 auf 17 Maschinen verkleinert werden, zudem werden 166 Reisebüros in Großbritannien geschlossen.

"WIR PLANEN FÜR DAS BESTE - WAPPNEN UNS FÜR DAS SCHLIMMSTE"

Mit der zweiten Geldspritze der Steuerzahler im Rücken ist für Joussen die Frage der notwendigen Liquidität erst einmal vom Tisch. "Jetzt segeln wir durch die Krise, was das Thema Cash angeht." Dennoch gehe man vorsichtig vor, da keiner wisse, wie sich die Pandemie und damit der Tourismusmarkt weiter entwickle. "Wir planen für das Beste und wappnen uns für das Schlimmste." Auf dem bisherigen Höhepunkt der Krise habe man - auch wegen Auszahlungen an Kunden aufgrund stornierter Reisen - 550 bis 650 Millionen Euro pro Monat verbrannt. Operativ soll der anziehende Betrieb im vierten Quartal die laufenden Cash-Kosten decken, gab sich Joussen zuversichtlich. Dann brauche man das Staatsgeld womöglich gar nicht.

Derzeit prüft der Konzern verschiedene Optionen, um seine Bilanzstruktur zu stärken, darunter auch eine Kapitalerhöhung. Ziel sei es, die hohe Verschuldung zu drosseln, sagte Joussen. Es sei aber noch zu früh zu sagen, wie hoch eine Kapitalerhöhung aussehen könnte. Zudem werde es keine Notverkäufe geben. "Das ist ganz klar", betonte Joussen. Der operative Verlust (bereinigtes Ebit) lag im abgelaufenen Quartal bei 1,1 Milliarden Euro, nach einem Gewinn von 102 Millionen Euro vor Jahresfrist. Unter dem Strich summierte sich der gesamte Konzernverlust trotz eingeleiteter Kostensenkungen in den ersten neun Monaten des zum 30. September endenden Geschäftsjahres 2019/20 auf rund 2,3 Milliarden Euro.

KUNDEN BUCHEN KURZFRISTIGER - AKTIE KRÄFTIG IM MINUS

Seit der Wiederaufnahme des Reisegeschäfts Mitte Juni seien konzernweit 1,7 Millionen Neubuchungen eingegangen und auch die Buchungen für den Sommer 2021 seien sehr vielversprechend. "Das Buchungsverhalten ist kurzfristiger", sagte Joussen. "Deshalb wissen wir heute noch nicht genau wie der Winter läuft." Die Preise für diesen Sommer lägen rund zehn Prozent unter dem Vorjahresniveau. Eine neue Prognose wagte das Management allerdings nicht. Joussen sieht 2021 als Übergangsjahr und erwartet erst 2022 wieder normales Geschäft.

An der Börse verlor die TUI-Aktie in Frankfurt rund sechs Prozent. Die Analysten der Investitionsplattform eToro erklärten, TUIs drastischer Umsatzeinbruch gefährde die Zukunft des Unternehmens. Die gesamte Tourismusbranche könne wegen der Pandemie und steigender Infektionszahlen nicht davon ausgehen, "dass Länder und Reiseziele lange offen bleiben, besonders mit der sehr realen Aussicht auf eine zweite Welle am Horizont".

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