Wahl & Börse (III) Sind unsere Politiker überfordert?

Hermann Kutzer

Was erwartet uns nach dem 26. September? Die Bundesbürger erwarten von den aktuellen TV-Diskussionsrunden möglichst viele Antworten. Daraus wird in diesem Jahr nichts - allein schon wegen der Ungewissheit über den Wahlausgang und die anschließende Regierungsbildung. Sooo schlecht fand ich die Wortgefechte vor laufenden Kameras bisher aber nicht. Manchmal hätte ich sie mir sogar schärfer gewünscht. Wichtig auf jeden Fall: Wer sich bisher nur beiläufig um Politik und die unterschiedlichen Vorstellungen der großen Parteien gekümmert hat, kennt durch die verbalen TV-Kontroversen rechtzeitig vor dem Wahltermin wenigstens die einzelnen Positionen.

Eine andere Erfahrung hatte Matthias Horx. Der brillante Zukunftsforscher (den ich außerordentlich schätze) erinnert sich im Kapitel „Hysterie am Stammtisch“ seines 2013 erschienenen Buchs „Zukunft wagen - Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren“ an eine Talkshow zur Zukunft Europas im Herbst 2011, zu der man ihn eingeladen hatte: Auf dem Panel saßen ein Börsenexperte mit Dreitagebart, der durch besonders schrille Krisenthesen ein Medienstar geworden war, ein eher trockener Ökonomieprofessor und eine kluge Politologin. Horx wollte darüber sprechen, wie ein neues Rückkopplungssystem aussehen müsste, das die Fehler, die zur Schuldenkrise geführt hatten, korrigieren würde, Und welche Maßnahmen die europäische Demokratie stützen könnten. Doch darum ging es überhaupt nicht.

Der bärtige Börsianer sagte: „Wir werden in eine Weltwirtschaftskrise rutschen, gegen die die Weltwirtschaftskrise von 1928 harmlos war! Vorher werden die Griechen aus dem Euro fliegen und der Euro wird zerfallen.“

Die Politologin sagte: „Die Demokratie bricht auseinander. Weite Teile der europäischen Bevölkerung werden verarmen.“

Der Wirtschaftswissenschaftler beschwor den kommenden Bürgerkrieg in Südeuropa, der demnächst auf die ganze Welt übergreifen würde.

Beifall im Publikum. Soweit der Optimist Matthias Horx in einem Buch, das ich immer wieder in die Hand nehme und jedem dringend empfehlen möchte, geschätzte Anleger.

Trotz aller aktuellen Probleme und Sorgen (die Politiker meist „Herausforderungen“ nennen) sind vergleichbare apokalyptische Diskussionsbeiträge heute nicht angesagt. Ich befürchte jedoch - nicht erst seit den Wahlkampf-Diskussionen im Fernsehen -, dass unsere Politiker von den Konflikten, Krisen und Katastrophen zunehmend überfordert werden. Für Kapitalanleger bedeutet dies, am besten nichts vom Ausgang der Bundestagswahl zu erwarten. Uns „drohen“ vielleicht schwierige innenpolitische Zeiten. Aber bis eine wie auch immer gefärbte Koalition ihre Vorstellungen zumindest in ersten Schritten umsetzen kann, werden voraussichtlich

Monate verstreichen. Sie wissen ja: Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. Gehen Sie wählen, liebe Leser. Aber bleiben Sie gelassen!

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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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