Notenbank in Großbritannien wieder mit steigender Inflation konfrontiert
London/Berlin (Reuters) - Die britische Inflation ist wieder auf dem Vormarsch und stellt die Notenbank nach ihrer Zinswende vor neue Herausforderungen.
Die Verbraucherpreise legten im Juli um 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu, wie aus den Daten des Statistikamts vom Mittwoch hervorgeht. Auch wenn der Zuwachs einen Tick niedriger ausfiel als von Experten erwartet, ist das Ziel der Notenbank von zwei Prozent damit wieder ein Stück weit entfernt. Die Bank of England (BoE) hatte ihre Zielmarke bei der Inflation im Juni exakt erreicht und Anfang August die Zinswende nach unten vollzogen.
Nun sehen sich die Londoner Währungshüter um Notenbankchef Andrew Bailey wieder mit anziehenden Verbraucherpreisen konfrontiert: "Die Briten dachten vielleicht, sie hätten das Ende der steigenden Inflation für eine Weile gesehen, aber sie ist wieder da", meint der Chef der Digitalbank Chetwood Financial, Andy Mielczarek. Doch gebe es keinen Anlass zur Panik, meint der Experte und verweist auf das zuletzt abgeschwächte Lohnwachstum. Die Grundgehälter lagen in den Monaten April bis Juni um 5,4 Prozent über dem Niveau vor einem Jahr. Dies ist der niedrigste Wert seit dem Zeitraum Mai bis Juli 2022 mit damals 5,2 Prozent. Die BoE, die am 19. September wieder über die Leitzinsen entscheidet, beobachtet beim Abstecken des geldpolitischen Kurses die Entwicklung des Lohnwachstums genau.
Überdies hat sie auch ein waches Auge auf die Inflation in dem für die Wirtschaft so wichtigen Servicesektor. Zwar blieb der Preisdruck in diesem Wirtschaftssegment im Juli mit einer Teuerungsrate von 5,2 Prozent hoch. Doch ist er nicht mehr so stark wie noch im Juni mit damals 5,7 Prozent. Von Reuters befragte Experten hatten zudem einen Wert von 5,5 Prozent für Juli auf dem Zettel.
KOMMT WEITERE ZINSSENKUNG?
Nach Ansicht von NordLB-Analyst Constantin Lüer signalisieren die Inflationsdaten erneut, dass sich die Preisentwicklung weniger problematisch präsentiert als zunächst angenommen: "Zunächst ist festzuhalten, dass die heute veröffentlichten Zahlen die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinssenkung durch die Bank of England im September wahrscheinlicher machen." Nach Einschätzung von Pierre Roke vom Beratungshaus Validus Risk Management geben die Daten den Währungshütern womöglich sogar Spielraum für bis zu zwei Zinssenkungen bis zum Jahresende.
Die Notenbank hatte Anfang des Monats den Leitzins um einen Viertelpunkt auf 5,0 Prozent gesenkt. Es war die erste Lockerung seit dem Frühjahr 2020. Die BoE geht davon aus, dass die Inflation gegen Jahresende noch befeuert wird. Sie könnte wegen eines statistischen Basiseffekts im Zusammenhang mit den Energiepreisen auf 2,75 Prozent nach oben gehen. Die Rückkehr zum Inflationsziel von zwei Prozent erwartet die Zentralbank für die erste Jahreshälfte 2026.
Sie hatte zudem für Juli mit einer etwas höheren Inflationsrate von 2,4 Prozent gerechnet. Die Daten zur Teuerung lieferten den Währungshütern in London "ein gewisses Maß an Zuversicht", dass eine nachhaltige Rückkehr zum zwei-Prozent-Ziel wahrscheinlich nicht scheitern werde, meint Martin Sartorius, Chefökonom des Industrieverbandes Confederation of British Industry (CBI).
Die Bank of England hatte die geldpolitischen Zügel zwischen Dezember 2021 und August 2023 insgesamt 14 Mal angezogen, um die ausufernde Teuerung unter Kontrolle zu bringen. Der straffe Kurs hat mit dazu beigetragen, dass die Lebenshaltungskosten nicht mehr so schnell steigen. Noch im Oktober 2022 lag die Teuerungsrate bei 11,1 Prozent - der höchste Stand seit mehr als vier Jahrzehnten.
(Bericht von David Milliken, geschrieben von Reinhard Becker und Rene Wagner; Redigiert von Hans Busemann; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)