"Ich mach's": Özdemir will Regierungschef in Stuttgart werden

- von Holger Hansen
Berlin (Reuters) - Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir will Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden.
Der 58-jährige Grünen-Politiker kündigte am Freitag an, dass er sich um die Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl im Frühjahr 2026 und damit um die Nachfolge von Winfried Kretschmann bewerben werde, dem bisher einzigen Regierungschef der Grünen. Özdemir ist gebürtiger Bad Uracher am Fuße der Schwäbischen Alb und will sein Ministeramt bis zum Ende der Ampel-Regierung ausüben. Eine Rückkehr in die Bundespolitik hält er sich demnach nicht offen. Zur Bundestagswahl 2025 werde er nicht erneut antreten, wie die Nachrichtenagentur Reuters aus Parteikreisen erfuhr. 2021 hatte er seinen Wahlkreis in Stuttgart mit gut 40 Prozent der Erststimmen klar gewonnen.
"Ich mach's. #2Ö26 will ich Ministerpräsident meiner wunderbaren Heimat werden", erklärte Özdemir über die Kurzmitteilungsplattform X. Er gilt schon lange als Favorit für die Spitzenkandidatur der Grünen im Südwesten. Seine Ankündigung wurde intern lange vorbereitet und abgestimmt. Zeitgleich mit seiner Bekanntmachung machten führende Grüne wie die scheidende Co-Parteichefin Ricarda Lang ihre Unterstützung öffentlich. "Yes, we Cem", schrieb Lang via X.
KRETSCHMANN: ÖZDEMIR IST GEBORENER SCHWABE
Der mittlerweile 76-jährige Kretschmann war 2011 als erster Grüner in die Villa Reitzenstein in Stuttgart eingezogen, den Amtssitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Bei der Wahl 2026 tritt er nicht erneut an. Kretschmann sagte am Rande der Ministerpräsidentenkonferenz in Leipzig, Özdemir bringe alles mit, was man brauche, um Ministerpräsident in Baden-Württemberg zu werden: "Er ist ein geborener Schwabe."Özdemir muss vom Landesverband noch als Spitzenkandidat aufgestellt werden, was als Formalie gilt. Er werde sich voll und ganz Baden-Württemberg widmen, "all in für The Länd", hieß es in Parteikreisen. Die Grünen-Landesvorsitzenden erklärten: "Er ist genau der Richtige für diese Zeit und dieses Land."
Özdemirs Gegner bei der Landtagswahl dürfte der 36-jährige CDU-Landes- und Fraktionschef Manuel Hagel werden, der Juniorpartner in der grün-schwarzen Koalition ist. Özdemir wäre der erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln. Die Umfragen sehen aber nicht danach aus. Auch die Grünen im Südwesten sehen sich mitgerissen vom Abwärtstrend der Partei im Bund. Im Baden-Württemberg-Trend von Infratest dimap stürzte die Partei auf 18 Prozent ab, die CDU legte auf 34 Prozent zu. Bei der Landtagswahl 2021 wurden die Grünen mit 32,6 Prozent klar stärkste Kraft vor der CDU mit 24,1 Prozent.
GRÜNE SETZEN AUF PRAGMATISMUS UND POPULARITÄT ÖZDEMIRS
Özdemir gilt als Pragmatiker und Realpolitiker, der auf Ausgleich bedacht ist. In seinem Umfeld wurde darauf verwiesen, dass er etwa bei den Bauernprotesten Anfang 2024 dafür eintrat, Kürzungspläne der Bundesregierung bei den Subventionen für Bauern abzuschwächen. Gegenüber der eigenen Partei war er bisweilen unbequem, indem er für mehr Offenheit für Positionen auch außerhalb der eigenen Partei warb.
Zuletzt machte Özdemir von sich reden mit einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der als Kritik an der Migrationspolitik verstanden werden konnte. Darin berichtete er von seiner Tochter, die von Männern mit Migrationshintergrund häufiger "begafft oder sexualisiert" werde.
ÖZDEMIR VERDRÄNGTE HOFREITER ALS MINISTER
Özdemir wandte sich im Internet an die Mitbürgerinnen und Mitbürger und ging auf seine türkischen Eltern ein. Sie seien aus der Türkei "als Gastarbeiter ins Schwäbische gekommen" und hätten sich in den 60er-Jahren in Bad Urach kennengelernt. "Hier sind meine Wurzeln, hier bin ich daheim", schrieb Özdemir, der sich selbst als Inländer bezeichnet hatte. "Ich bin zwar gut zu Fuß, aber ich bin nie eingewandert, sondern hier geboren."
Özdemir zog 1994 zog zum ersten Mal in den Bundestag ein. Einen Knick nahm seine Karriere, als publik wurde, dass er einen Privatkredit von 80.000 Mark von einem PR-Berater angenommen hatte. Er trat 2002 sein Bundestagsmandat daher nicht an. Er nahm eine Auszeit, wurde Mitglied des Europaparlaments und war ab 2008 viele Jahre Co-Parteivorsitzender der Grünen.
Özdemir gilt zugleich als machtbewusst. Seit Antritt der Ampel-Regierung 2021 ist er Agrarminister. Er verdrängte - mit Unterstützung der damaligen Parteivorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock - in einem parteiinternen Machtkampf den früheren Co-Fraktionschef Anton Hofreiter, der als Vertreter der Linken als gesetzt für ein Ministeramt galt.
(Mitarbeit: Andreas Rinke. Redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)