Aktien aus der zweiten Reihe

Deutsche Nebenwerte haben ein besseres Chance/Risiko-Verhältnis als Nvidia

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)

Während Tech-Werte und Large Caps in den vergangenen Jahren kräftig zulegten, fristeten Nebenwerte ein Schattendasein. Mittlerweile aber ist das Chance/Risiko-Verhältnis der kleineren Börsenfirmen deutlich attraktiver als bei Nvidia & Co.

Artikel teilen:
Quelle: Alexey Fedorenko/Shutterstock.com

Während der Nebenwerteindex SDax und der Dax in den ersten drei Quartalen 2022 noch weitgehend ähnlich abschnitten (siehe Vergleichschart unten),  öffnete sich ab Oktober 2022 eine riesige Schere im Kursverlauf der beiden Indizes: Während der Dax in den vergangenen drei Jahren knapp 50 Prozent zulegen konnte, kam der SDax lediglich auf knapp drei Prozent Kursperformance. Was sind die Gründe für diese Diskrepanz und besteht Aussicht auf Besserung für die deutschen Nebenwerte in 2025?

Quelle: Onvista

Die deutsche Wirtschaft schrumpft

Der überwiegende Teil der Dax-Konzerne hat den Sitz der Firmenzentrale zwar in Deutschland, erzielt das Gros der Umsätze und Gewinne aber im Ausland. Die Mehrzahl der im Nebenwertesegment SDax gelisteten Unternehmen hingegen macht den Großteil ihres Geschäfts in Deutschland und ist somit stärker abhängig von der aktuell schwächelnden wirtschaftlichen Situation im Land.

Quelle: Tradingeconomics

Das jährliche BIP-Wachstum in Deutschland war in den vergangenen sechs Quartalen rückläufig, sprich: Die Deutsche Wirtschaft schrumpft seit über einem Jahr. Das lag nicht zuletzt an der wenig wirtschaftsfreundlichen Politik der Ampelregierung, die besonders im angelsächsischen Raum nicht besonders gut ankam.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich angelsächsische Investoren in den vergangenen Jahren zunehmend aus dem deutschen Nebenwertesegment zurückzogen. 2014 sah dies noch ganz anders aus.

Der sich abzeichnenden Regierungswechsel mit der Bundestagswahl am kommenden Sonntag sorgte zuletzt allerdings wieder für aufkeimenden Optimismus unter den Marktteilnehmern: Wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag zu seiner Analysten-Umfrage mitteilte, stieg das Barometer für die Aussichten in den kommenden sechs Monaten im Februar um 15,7 Punkte auf 26,0 Zähler. 

Quelle: Tradingeconomics

ZEW-Präsident Achim Wambach sagte zu den Ergebnissen der Befragung von 158 professionellen Marktteilnehmern:

“„Hoffnungen auf eine handlungsfähige neue Bundesregierung dürften für den gestiegenen Optimismus gesorgt haben““

Sollten sich diese Hoffnungen in den kommenden Monaten bewahrheiten, wäre zumindest aus dieser Richtung wieder mit Rückenwind für deutsche Nebenwerte zu rechnen.

Der ETF-Boom ohne Nebenwerte

ETFs erfreuen sich in den vergangenen Jahren vor allem bei Privatanlegern - nicht zuletzt auf Grund ihrer Kostenstruktur - einer steigenden Beliebtheit. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Dieser Boom war sicher ein wichtiges Puzzleteil für die Performance-Diskrepanz zwischen Blue Chips und Nebenwerten, da das Gros der Privatanleger in der Regel in große bekannte Indizes wie den MSCI World, den S&P500 oder eben den Dax investiert.

Nebenwerte-ETFs fristeten in den vergangenen Jahren eher ein Schattendasein. So verwundert es nicht, dass die drei größten ETFs weltweit gemessen an den verwalteten Geldern allesamt auf den S&P500 laufen. 

Quelle: ETF Database

Der S&P 500 ist ein Aktienindex, der die Aktien von 500 der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst. Der S&P 500 ist nach der Marktkapitalisierung gewichtet, Nebenwerte mit einer geringen Marktkapitalisierung sind nicht enthalten.

Der Fokus auf große US-Technologieaktien

Der größte Aktienindex an der NASDAQ ist der Nasdaq Composite. Es umfasst über 3.000 Unternehmen, vornehmlich aus dem Technologiesektor. Der NASDAQ-100-Index umfasst im Gegensatz zum Nasdaq Composite nur die 100 Technologieaktien mit der höchsten Marktkapitalisierung.

Quelle: Onvista

Während die beiden Indizes in der Vergangenheit eigentlich immer nahezu parallel performten, ging auch hier ab dem vierten Quartal 2022 eine größere Performanceschere auf. Hype-Themen wie Künstliche Intelligenz und die zunehmend auf US-amerikanische Technologietitel fokussierte (Börsen-)mediale Berichterstattung dürften hier ebenfalls einen Beitrag geleistet haben.

So verwundert es nicht, dass eine Anfang der Woche veröffentlichte Auswertung von 330.000 Depots deutscher Privatanleger bei den Top-10 der gehaltenen Einzelaktien fast nur US-amerikanische Titel zu finden sind. Lediglich die Allianz-Aktie hat es als einziger deutscher Wert unter die Top-10 geschafft. Die ersten drei Plätze belegen allesamt drei große amerikanische Technologietitel.

Quelle: Handelsblatt

Die gute Nachricht für Nebenwerteanleger: In einem möglichen Crash-, beziehungsweise Korrekturszenario für den Gesamtmarkt sollten Nebenwerte in der Regel deutlich besser abschneiden als die teils sehr ambitioniert bewerteten US-Megacap-Aktien wie Nvidia, Microsoft & Co.

Bewertungen im Nebenwertesegment mittlerweile extrem günstig

Die deutsche Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre, der ETF-Boom, der weitestgehend an den deutschen Nebenwerten vorbeiging, sowie der zunehmende Fokus auf US-Technologieaktien mit hoher Marktkapitalisierung haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass profitable deutsche Nebenwerte teils extrem günstig zu haben sind.

Mit Kontron (Analyse), PVA Tepla (Analyse) und Sixt (Analyse) hatte ich Euch im Rahmen des onvista Trading Impuls im Dezember bereits einige interessante deutsche Nebenwerte mit ordentlich Kurspotenzial vorgestellt.

Um die zum teil extrem günstigen Bewertungen wissen natürlich auch ausländische Investoren und Private-Equity-Firmen. Diese kaufen dann allerdings nicht nur die eine oder andere Aktie, sondern gleich den ganzen Konzern. Jüngstes Beispiel ist die Metro AG.

Günstige Bewertungen: Unternehmen werden aufgekauft

Mit einem geschätzten Vermögen von etwa 9 Milliarden Dollar gilt Daniel Křetínský als einer der reichsten Männer Tschechiens und belegt damit auf der Forbes-Rangliste der reichsten Menschen der Welt aktuell Platz 256. Der milliardenschwere Investor hat sein Geld in den vergangenen beiden Dekaden mit cleveren Investitionen in kriselnde Unternehmen gemacht. Eins kann der Mann mit Sicherheit: Rechnen. 

Anfang Februar wurde bekannt, dass der Metro-Großaktionär Křetínský gerne den Konzern komplett übernehmen will und ein Delisting der Metro-Aktie anstrebt (ausführlich: hier). Der Aktienkurs des Unternehmens fiel von 15 Euro in 2019 bis auf 3,75 Euro Anfang Februar - der gesamte Metro-Konzern war an der Börse zu Monatsbeginn nur noch weniger als 1,5 Milliarden Euro wert - ein gefundenes Fressen für Křetínský: Der bot den Metro-Aktionären 30 Prozent Aufschlag an und strebt nun ein Delisting der Aktie an.

Compugroup, About You & Co.

Im Dezember hatte der Finanzinvestor CVC den Aktionären des im SDax gelisteten Medizinsoftware-Anbieters Compugroup ein Übernahmeangebot unterbreitet, welches mittlerweile auch bereits angenommen wurde. Compugroup verschwindet somit demnächst vom Kurszettel.

Der Aktienkurs der About You Holding, ein deutscher Internethändler für Bekleidung, Schuhe und Accessoires mit Sitz in Hamburg, fiel seit dem IPO im Jahr 2021 von 25 Euro auf zeitweise unter drei Euro im vergangenen Jahr. Dies nutzte Zalando zuletzt und machte den Aktionären ein Übernahmeangebot.

Das auf Krankenhausanwendungen spezialisiertes deutsches Software-Unternehmen Nexus aus Donaueschingen wird demnächst ebenfalls vom Kurszettel verschwinden. Hier gab es ein Übernahmeangebot durch TA Associates - ein US-amerikanisches Private-Equity-Unternehmen.

Bei Covestro gab es ebenfalls ein Übernahmeangebot, der Vollzug steht hier allerdings noch aus. Auch beim im MDax gelisteten Konzern Gerresheimer gibt es aktuell Gespräche zur Übernahme durch Finanzinvestoren und die Commerzbank verzeichnet bekanntermaßen aktuell gesteigertes Interesse einer italienischen Großbank.

Fazit:

Die im historischen Vergleich sehr attraktive Bewertung der teils hochprofitablen Unternehmen im deutschen Nebenwertesegment ruft zunehmend global agierende Schnäppchenjäger mit der ganz großen Brieftasche auf den Plan, die allesamt die günstigen Kapitalmarkt-Bewertungen im Nebenwertesegment nutzen.

Das sollte Grund genug sein für euch, in 2025 auch mal über den Tellerrand der "Magnificient Seven" hinaus zu schauen und deutsche Nebenwerte etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Chance-Risiko-Profil bei diesen Titeln ist in meinen Augen aktuell wesentlich attraktiver als bei Nvidia & Co.

Das könnte dich auch interessieren

Dax Tagesrückblick 15.01.2026
Dax verbucht moderates Plus - gute Stimmung dank TSMC15. Jan. · onvista
Dax Logo
Dax Tagesrückblick 16.01.2026
Dax rutscht am Freitag etwas ab - kaum Bewegung auf Wochensichtgestern, 17:47 Uhr · onvista
Jemand geht vor dem Dax-Logo vorbei.