Die Inflation ist nur ein kurzfristiges Phänomen?

Stefan Riße

Um 4,1 Prozent sind die Preise in Deutschland im September gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Ein Phänomen, das nicht nur in Deutschland, sondern auch in ganz Europa und noch stärker in den USA zu beobachten ist. Die Notenbanken aber strahlen Gelassenheit aus. Basiseffekte seien dies, die bald auslaufen und die Inflation dann wieder auf die Zielmarke von zwei Prozent zurückführen. So langsam allerdings können einem Zweifel kommen, ob die Prognosen der Notenbanken nicht mehr als ein frommer Wunsch sind.

Lieferketten bleiben ein Problem

Auf einem Treffen von Notenbankern aus verschiedenen Ländern räumte der wohl mächtigste unter ihnen, der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (FED) bereits ein, dass die Probleme mit den Lieferketten länger anhielten als er dies erwartet habe. Gerissen waren diese in der Pandemie und dem weltweiten Lockdown. Dass einmal gerissen, diese nur schwer wieder zu flicken sind, überrascht nun viele. Noch immer steigen die Preise für Schüttgut, ablesbar am Baltic Dry Index, und auch Container aus China Richtung Europa und den USA kosten noch ein Vielfaches dessen, was sie vor der Pandemie gekostet haben. Aus vielen Unternehmen ist zu vernehmen, dass man sich auf eine längere Phase mit Lieferengpässen einstellt. Die Wachstumsprognosen werden bereits wieder zurückgenommen, nicht aufgrund von mangelnder Nachfrage, sondern aufgrund mangelnden Angebots.

Auch Rohstoffpreise überraschen

Vor allem die Energiepreise überraschen mit ihren enormen Preissteigerungen. Gas, das lange im Überfluss vorhanden war, ist plötzlich knapp und hat sich im Preis vervielfacht. Viele Gasanbieter, vor allem in Großbritannien, steigen aus dem Geschäft aus, weil sie aufgrund der Preisbindungen gegenüber dem Endkunden die gestiegenen Preise nicht weitergeben können und ansonsten horrende Verluste einfahren würden. Klar, da ist die Konjunktur, die nun wieder läuft, aber so richtig hat damit niemand gerechnet. Natürlich ist davon auszugehen, dass sich die Energiepreise auch wieder beruhigen, weil absehbar die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen nachlassen wird, allerdings wird der politisch gewollte steigende CO2-Preis dann dafür sorgen, dass die Inflation weiter auf einem höheren Niveau bleibt.

Die Löhne müssen steigen

Noch sind Lohnerhöhungen auf breiter Front nicht erkennbar. Dennoch, überall wird über eine Anhebung des Mindestlohns diskutiert, und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis dieser und die Löhne im Allgemeinen deutlicher steigen. Gerade für die unteren Einkommensschichten, vor allem wenn sie in oder in der Nähe eines Ballungsgebietes wohnen, stiegen die Preise durch die deutlich schneller steigenden Mieten überproportional. Der Ausgang des Volksentscheids in Berlin über die Enteignung der Deutsche Wohnen und anderer Wohnungsbaukonzerne in Berlin hat aufgezeigt, wie drängend dieses Problem ist. In einer Stadt, in der der real existierende Sozialismus und seine ganzen Schwächen hautnah zu beobachten waren, für alle die in ihm lebten, aber auch für die Westberliner, entscheiden sich die Menschen plötzlich mehrheitlich, privaten Besitz zu enteignen. Es ist deshalb vollkommen klar, dass die höheren Inflationsraten durch Lohnsteigerung sehr schnell ausgeglichen werden müssen, wollen wir keine sozialen Unruhen erleben. Und dann sind sie nämlich schnell da, die Zweitrundeneffekte, die die Preise dann weiter steigen lassen.

Für Aktien alles kein Problem

Wer befürchtet, dass diese steigenden Inflationsraten auch Aktien nachhaltig belasten werden, der irrt. Die Notenbanken werden gar nicht oder nur sehr halbherzig diese Inflation bekämpfen können.

Ansonsten würden sie wegen des extrem hohen Verschuldungsgrades, den wir in der Welt an vielen Stellen haben, eine schwere Rezession auslösen. Dies hätte noch viel dramatischere Folgen für den sozialen Frieden. Und eine Inflation, die nicht bekämpft wird, ist für Aktien nicht schädlich. Daher mein klares Credo: Investiert bleiben!

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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