Elektromobilität – Ein Erfahrungsbericht für Fahrer und Aktionäre

Stefan Riße

Ich bin unter die Elektroautofahrer gegangen. Seit vergangenem Wochenende fahre ich einen BMW I3. Gekauft aus dem deutschlandweiten Netzwerk eines BMW-Händlers im Rhein-Main-Gebiet. Der junge Gebrauchte, für den es immerhin noch 5.000 Euro Förderung gibt, stand allerdings in der Filiale in Hamburg. Da ich dort aus privaten Gründen regelmäßig bin, war es mir doch eine Freude, das Auto selbst zu überführen. Klar, der I3 ist kein Auto für die lange Strecke, das wusste ich - aber einmal überführen in meinen Wohnort Limburg, wo er dann für die kurze Strecke genutzt werden soll, das sollte doch mit etwas Zeit möglich sein. Mein Autoverkäufer schaute etwas mitleidig.

Ich fahre zunächst am Wochenende ein wenig in Hamburg herum. Und ich bin begeistert. Technisch toll ausgestattet und die Beschleunigung von 0 auf 70 km/h wie bei einem Porsche. AMG 63 und M3s hängt man auf den ersten Metern sogar ab. Dann kam die Überführung, beginnend am Sonntagabend um 19:30 Uhr. Das Ziel eingestellt und dann wird man gewahr, dass sich bei einer Autobahnstrecke die Reichweite von 230 auf 150 km reduziert. Geduld war also gefragt, das war klar. Aber was soll’s. Meine Frau war dabei - nicht rasen, sondern reisen war diesmal das Motto. Ist doch auch nett.

Ich sollte bis Wildeshausen, 40 km hinter Bremen kommen, doch 130 km/h waren dafür wohl zu viel. Die Reichweite reduzierte sich auf Bremen. Vor Bremen auf der Raststätte Grundbergsee fahre ich das erste Mal zum Laden. Aber die Ladesäule finde ich nicht in der Nähe der Zapfsäulen, sondern so verlassen auf dem Parkplatz, dass ich selbst auf diesem das Navi brauchte, um sie zu finden. Gesonderte Beleuchtung nein, Überdachung - es nieselte - nein! Ich muss zugeben, die Tankkarte, die dann wohl doch vieles einfacher macht, wie ich mittlerweile weiß, hatte ich noch nicht, die war in der Post. Aber sollte laut dem Händler in Hamburg auch kein Problem sein. Ich sollte einfach nur die BMW Charging App herunterladen, mich anmelden und dann vor Ort den QR-Code scannen. Das klappt beim Einchecken in Restaurants ja ganz hervorragend, wie wir heute wissen, und so dachte ich mir nichts dabei. Die QR-Codes waren allerdings 1,5 auf 1,5 cm, einigermaßen verwittert und die Umgebung nicht beleuchtet. Mein Handy erkannte sie erst nach vielen Versuchen und die Beleuchtung durch das Handy meiner Frau. Über die BMW-App ging es allerdings nicht. Also den ganz normalen Browser geöffnet und dann dort E-Mail-Adresse und Kreditkarten-Daten eingegeben und dann sollte Ladung möglich sein. Es leuchtete auch vermeintlich blau an meinem Auto und ich sagte zu meiner Frau, komm lass uns ein Kaffee trinken gehen. Nach 40 Minuten kamen wir wieder, aber der Ladevorgang war irgendwie abgebrochen, das Auto hatte gar nicht geladen. Und ich bekam an dieser Ladesäule es auch nicht mehr hin. Also weiter nach Bremen, wo ich an der ersten Station das gleiche erlebte. Dann führte das Navigationssystem des BMWs mich zur vermeintlich nächsten Ladestation auf dem Hinterhof eines Möbelgeschäftes in Bremen-Habenhausen. Hier soll wohl mal eine Ladesäule gewesen sein, es gab sie auf jeden Fall nicht mehr. Es geht zum nächsten Ladepunkt, diesmal laut der App ein Tesla-Supercharger. Auch hier funktioniert die BMW-App nicht, aber es geht wohl wieder mit Kreditkartendaten.

Die Ladesäule ist diesmal dicht an den Zapfsäulen einer Tankstelle in Stuhr, sie ist aber auch hier nicht gesondert beleuchtet und nicht überdacht. Mittlerweile regnet es in Strömen. Sehnsüchtig gleitet mein Blick in Richtung klassischer Zapfsäulen und den Menschen, die dort im Trockenen und wohl beleuchtet auftanken und schnell weiterfahren können. Ich denke mir, das ist also die Belohnung dafür, dass ich die Umwelt mit einem Elektroauto schone. Mein iPhone schafft es jedenfalls bei der Beleuchtung nicht, den QR-Code zu scannen und gibt mittlerweile mangels Akkuleistung auch den Geist auf. Ich nutze das Handy meiner Frau und nach langen Versuchen liest dieses den QR-Code und ich gebe wieder Kreditkartendaten und E-Mail-Adresse ein und nach rund 20 Minuten an dieser Ladesäule beginnt der Ladevorgang. Eine Stunde stehen wir nun hier und die Regentropfen prasseln auf die Windschutzscheibe. Die letzten zwei bis drei Prozent dauern so lange, dass ich den Ladevorgang abbrechen will. Dies geht aber nicht, es gibt dafür keinen Knopf. Zum Glück gibt es aber eine Hotline 24/7. Hier sammle ich die erste positive Erfahrung. Die Dame ist relativ schnell am Telefon und erklärt mir, dass ich über das Browserfenster den Ladevorgang beenden muss. Das habe ich mittlerweile aber geschlossen. Beim zweiten Anruf beendet sie den Ladevorgang aus der Ferne. Dass dies notwendig ist, um das Kabel vom Auto abziehen zu können, hatte ich schon in Hamburg beim Aufladen an der Wallbox meines Ferienwohnungsvermieters gelernt. Und es hat ja auch nur 15 Minuten gedauert, bis ich in der Beschreibung gefunden hatte, wie ich im IDrive-Menü das Ladekabel entriegele. Mittlerweile ist es nach Mitternacht. Die Reichweite geht nun bis Osnabrück und die Augenlider werden schwer. Ich schaue auf Booking, welches Hotel verfügbar ist, suche mir dann im Netz die Telefonnummer, und frage, ob ich dort über Nacht mein Auto aufladen könne. Das geht im dortigen Best Western Hotel und so verbringe ich eine Nacht in Osnabrück, weit entfernt von meinem eigentlichen Ziel. Nach einem halben Tag im Hotel-Office, es war ja Montag, breche ich dann in der Mittagspause auf zur nächsten Etappe. Ich ändere die Strategie und fahre jetzt nur noch mit 80 einigermaßen eng hinter LKWs her. Wieviel Windschatten bringt, weiß ich als Radrennfahrer nur zu gut. Und das funktioniert auch hier. Die Reichweitenkilometer im Display werden überhaupt nicht weniger und am Ende schaffe ich knappe 300 km mit einer Ladung bis nach Limburg. Energiefreundlicher geht es eigentlich nicht mehr, wobei mir die schweren Dieselmotoren der LKWs natürlich dazu verholfen haben.

Meine Wallbox ist noch nicht geliefert, auch hier gibt es derzeit Wartezeiten und so fahr ich zu einer Aufladestation in Limburg am selben Abend. Die Tankkarte habe ich mittlerweile und ich habe sie auch registriert, aber sie ist wohl noch nicht autorisiert. Das kann wohl bis zu 24 Stunden dauern. Doch ich bin nun geübter. Schon nach zehn Minuten habe ich das Prinzip dieser Ladesäulen verstanden, die – man staune – auch überdacht sind. Allerdings ohne Nutzen für mich. Diesmal regnet es nicht. Kreditkartendaten abermals über Browserfenster eingegeben und ja, mein Auto lädt. Ich gehe mit meinem Hund nach Hause und hole das Auto drei Stunden später wieder ab.

Warum schreibe ich das hier alles in einer Börsenkolumne? Ganz einfach, weil derzeit kein Hype heißer ist als der der Tesla-Aktie. Und natürlich, ich war ein Anfänger, so eine Odyssey ist sicher nicht notwendig, wenn man sich besser auskennt. Aber solange die Ladesäulen-Infrastruktur so aussieht, dass der Verbrenner-Fahrer im Trockenen steht und auch ein Ansprechpartner mit dem Kassiererin oder dem Kassierer in der Tankstelle vor Ort hat, während der Elektroautofahrer sich Ladestationen im Navi suchen muss und im Zweifel im wahrsten Sinne des Wortes im Regen steht, wird sich Elektromobilität nicht so schnell durchsetzen wie die Politik sich das wohl wünscht. Tesla ist mittlerweile mehr wert als alle Automobilhersteller der alten Industrieländer zusammen. Der ohne Frage bewundernswerte Elektroautopionier müsste also nach dem Prinzip des „the winner takes it all“ quasi der einzige Automobilhersteller der Welt am Ende sein oder sagen wir mal mindestens 50 Prozent Marktanteil haben, um die aktuelle Bewertung zu rechtfertigen. Das ist kaum zu erwarten, weil Plattformeffekte, wie wir sie bei den großen Tech-Unternehmen sehen, hier nicht gegeben sind. Denn Sonntagnacht gab es auch nicht die exklusiven, beleuchteten und überdachten Ladestation von Tesla, die ich nicht hätte ansteuern können und die einen Tesla deutlich attraktiver machen würden als Elektroautos anderer Hersteller. Die Probleme betreffen Tesla-Fahrer genauso. Und daher ist kaum zu erwarten, dass das Unternehmen diesen Markt quasi übernimmt. Ich würde sicher nicht mehr einsteigen, ich war allerdings auch nie dabei - wer es ist, dem sei gratuliert. Gewinnmitnahmen erscheinen aber ratsam.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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