Kutzers Zwischenruf: Look East – ein Jahrzehnt Asiens beginnt

Hermann Kutzer

Neues Spiel, neues Glück? Die kurzfristig handelnden Profis machen ihre Bücher für 2021 auf und wägen die Alternativen für die Asset Allocation ab - Growth oder Value, Hightech oder Konsum, Wall Street oder Europa, Hochzinsbonds oder Industrieanleihen usw. „Oder“ bedeutet hier nicht unbedingt Gegensatz, sondern könnte auch durch „und“ ersetzt werden. Die Länder- und Branchenüberlegungen werden natürlich durch die anhaltende Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft überschattet. Dazu kommen politische Einflüsse (neue US-Regierung, Brexit). Wer langfristig investiert, also über viele Jahre, wird darüber hinaus strategische, strukturelle Trends analysieren. Dazu gehört ein Thema mit globaler Relevanz: Hat jetzt ein asiatisches Jahrzehnt begonnen?

Eine eindeutig positive Antwort gibt das J.P. Morgan Asset Management. Bisher blickte die Welt vor allem nach Amerika und die Wall Street als Leitbörse. Diese Zeit bescherte Investoren zehn Jahre mit hervorragenden Renditen von US-Investments und einem steigenden US-Dollar. Nach Ansicht der US-Großbank-Strategen könnten im nächsten Jahrzehnt die Glanzleistungen auf den asiatischen Märkten erbracht werden. Krisen führen häufig zu langfristigen Verschiebungen bei der Marktperformance. Das Ende des dotcom-Booms im Jahr 2000 stellte das Ende der Outperformance der US-Wachstumstitel dar, und es folgte ein Zeitraum mit einer starken Performance von Substanz-, Schwellenmarkt- und europäischen Aktien. Im Anschluss an die globale Finanzkrise schlug das Pendel wieder zugunsten der US-Märkte aus.

„Unsere Erwartung, dass wir diesmal eine ähnliche Verlagerung sehen könnten, basiert auf unserem Makro-Ausblick und strukturellen Veränderungen, die im Zuge der Reifung der asiatischen Kapitalmärkte erfolgen“, heißt es in der Studie. Die nordasiatischen Volkswirtschaften (China, Korea, Taiwan), die den Großteil des asiatischen Anlageuniversums ausmachen, konnten die Pandemie erfolgreicher eindämmen als der Rest der Welt. Die neuen täglichen Covid-19-Fälle pro Million Einwohner betrugen selbst auf dem Höhepunkt der Infektionsraten nur einen Bruchteil derer in anderen Regionen. Aufgrund der eingeschränkten Ausbrüche und der Fähigkeit zur genauen Verfolgung der Ansteckungen scheinen diese Volkswirtschaften Covid-19 hinter sich gelassen zu haben. Während Europa und die USA weiterhin erheblichen Einschränkungen unterliegen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, ist die Wirtschaftsaktivität in China bereits wieder auf dem Niveau von vor der Krise.

Die nordasiatischen Aktienmärkte haben im Jahr 2020 viele der Industrieländer-Indizes übertroffen, was weitgehend auf ihre wirtschaftliche Outperformance und die relativ hohe Gewichtung von Technologie- und Online-Unternehmen zurückzuführen war. Nun wird damit gerechnet, dass diese Outperformance anhält. Auf kurze Sicht

spiegelt das die Tatsache wider, dass die Aktivität in den Industrieländern eingeschränkt bleiben wird, bis umfassende Impfungen erfolgt sind und das Leben zur Normalität zurückkehren kann. Auf längere Sicht werden die strukturellen Wachstumsaussichten in Asien durch die Urbanisierung und das Wachstum der Mittelschicht untermauert. Diese Trends werden im nächsten Jahrzehnt in drei der bevölkerungsreichsten Länder der Welt (China, Indien und Indonesien) voraussichtlich anhalten, so dass große binnenmarkt- und verbraucherorientierte Märkte entstehen. Das neue Freihandelsabkommen umfasst zehn Asean-Länder sowie China, Japan, Korea, Australien und Neuseeland. Diese 15 Länder machen fast ein Drittel des globalen BIP aus. Dies sollte den langfristigen Wachstumsaussichten weiter zugutekommen. Daher erhalten asiatische Unternehmen in den nächsten Jahren jede Menge Wachstumschancen.

Asiatische Aktien haben sich im Jahr 2020 gut entwickelt. Fazit von J.P. Morgan AM: „Dennoch deutet unser langfristiger Kapitalmarktausblick darauf hin, dass asiatische Aktien weiterhin das Potenzial haben, die Industrieländer über die nächsten 10 bis 15 Jahre um 2,2 % pro Jahr zu übertreffen. Zunehmende Anzeichen dafür, dass die zehnjährige Dollar-Hausse nachlässt, bestärken unsere Ansicht weiter, dass die nächsten zehn Jahre im Zeichen Asiens stehen könnten.“

Ich weise schon seit Monaten auf die Asien-Fantasie mit Hochzins-Anleihen und China-Aktien hin. Doch empfehle ich Ihnen, geschätzte Anleger, in erster Linie aktiv gemanagte Fonds oder ETFs. Asien ist weit weg und speziell, bedarf also besonderer Kenntnisse für die Auswahl der Titel. Asiatische Börsen sind auch nicht homogen - dennoch bin ich überzeugt, dass sich die Beschäftigung mit dieser gewaltigen Region auch für private Anleger mehr denn je lohnt!

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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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