Nicht Corona, sondern die Algorithmen sind schuld am massiven Absturz

Stefan Riße

Schaut man sich die Kursentwicklung an den internationalen Aktienbörsen und Finanzmärkten insgesamt an, dann scheint das Coronavirus gefährlicher für die Weltwirtschaft und das Finanzsystem zu sein als die Finanzkrise selbst und die Pleite von Lehman Brothers. Doch glaubt das wirklich jemand ernsthaft? Damals wurde das Finanzsystem ins Mark getroffen. Die Banken waren hochgehebelt mit uneinbringlichen Krediten und wertlosen Immobilienanleihen vollgeladen. Und der Geldmarkt drohte auszutrocknen.

Notenbanken und Regierungen haben ihre Lektion gelernt

Diesmal sind die Banken gar nicht direkt betroffen. Erst unmittelbar könnte eine Gefahr drohen, wenn das Runterfahren der Weltwirtschaft im Kampf gegen das Coronavirus vor allem hoch verschuldete Unternehmen in die Pleite reißen würde. Aber ist das zu erwarten? Nein. Seit der Finanzkrise haben die Notenbanken gelernt, schnell einzugreifen und die Regierungen tun es ihnen gleich. Beim Ausbruch der Finanzkrise wirkten Sie zunächst noch sehr hilflos, die Bank of England lehnte Zinssenkungen sogar anfangs ab. Diesmal wurde bereits jetzt rund um den Globus allgemeine Bereitschaft erklärt, nicht nur geldpolitisch zu stützen, sondern auch durch Konjunkturhilfen bis hin zu direkten Steuerrückzahlungen oder Helikoptergeld den Konsum aufrecht zu halten. Wenn Reiseunternehmen wie TUI oder andere ins Wackeln kommen würden, werden sie mit Sicherheit Überbrückungskredite erhalten. Gleiches dürfte auch für italienische Banken gelten, die noch etwas schwach auf der Brust sind. Es wäre ja diesmal auch kein Moral Hazard, weil die Banken ja nicht durch eigene spekulative Geschäfte und ihre Gier getroffen wurden, sondern unverschuldet durch diese Pandemie. Niemand wird im Ernst ablehnen wollen, ihnen über diese Phase hinweg zu helfen. So lautet meine These. Sollte sie falsch sein, dann könnte tatsächlich Schlimmeres drohen. Derzeit ist davon aber nicht auszugehen, und das weiß auch der Finanzmarkt.

Institutionelle Investoren reagieren völlig gleichgeschaltet

Bei aller Gefahr, die das Virus auch mit sich bringen mag, ist dieser Kursabsturz in dieser Geschwindigkeit nicht erklärbar. Er hat interessanterweise im Ursprungsland China ja auch gar nicht in dieser Form stattgefunden. Die Kurse fielen, aber keineswegs so stark wie in den USA oder Europa und haben sich mit dem Abklingen der Neuansteckungszahlen auch sofort wieder erholt. Der hohe Anteil der Privatanleger am Börsenumsatz dort stellt sich jetzt als Segen heraus. An den Aktienmärkten der alten Industrieländer sind hingegen die institutionellen Investoren das beherrschende Element. Und sie agieren völlig gleichgeschaltet. Der Grund liegt in den vielen Algorithmen, die mittlerweile das Anlage- und das Risikomanagement bestimmen. Value at Risk lautet der Überbegriff. Dazu kommen Produkte wie Risk Parity, klassische Trendfolgemodelle und Short Spekulation auf Volatilität. So lange es nach oben läuft, verdienen alle ordentlich Geld mit geringen Schwankungen. Kommt es dann aber doch mal zu stärkeren Einbrüchen durch den Verkauf klassisch diskretionär agierender Anleger, erreichen diese Systeme ihre Stop-Loss-Marken und schmeißen computergesteuert ohne Wenn und Aber alles auf den Markt. Die Risikomessung und Begrenzung durch Value at Risk läuft genauso. Steigt die Volatilität, werden die Risiken reduziert, sprich Aktien und Rohstoffe verkauft und Anleihen gekauft. Dieses Vorgehen wirkt extrem trendverstärkend. Denn je höher die Volatilität steigt, desto stärker müssen die Akteure, die diesen Algorithmen gehorchen, Aktien auf den Markt schmeißen.

Diskussion über Anlagestrategien und derivative Anlageinstrumente muss her

Ich kann auch den weiteren Verlauf der Kurse nicht voraussagen und schon gar nicht den der Corona-Pandemie. Irgendwann aber dürfte der Markt wieder nach oben drehen und das ganze abklingen. Es war bisher noch in jeder Krise so. Wenn die Trümmer weggeräumt sind, müssen diese Form des

Risikomanagements und die hierfür zur Verfügung stehenden derivativen Finanzprodukte kritisch hinterfragt werden. Es ist nicht einzusehen, dass der DAX-Future kein so genanntes „Limit Down“ hat wie seine amerikanischen Pendants, deren Handel bei fünf Prozent Kursbewegung ausgesetzt wird. Zumal der DAX-Future jetzt auch in der Nacht ab 1:15 Uhr gehandelt wird und viel zu wenig Volumen vorhanden ist, um größerem Verkaufsdruck standzuhalten. Das Ergebnis sind ins Mark verunsicherte Anleger. Wie soll so in Deutschland eine Aktienkultur jemals entstehen? Wenn deutsche Privatanleger vor kurzem in Umfragen äußerten, Aktien würden unüberschaubare Risiken beinhalten, dann dürften sich diese Anleger nun bestätigt fühlen. Dabei ist das Investment in Unternehmen und die Beteiligung an Produktivkapital auf lange Sicht ausgesprochen ertragreich. Wenn aber die Gefahr besteht, innerhalb von nur wenigen Handelstagen 35 Prozent seines Kapitals zu verlieren, traut sich keiner heran.

Ich bin gespannt, ob es diese Sichtweise bis in den Mainstream schafft oder ob wirklich am Ende die Mehrheit glaubt, nur das Coronavirus sei verantwortlich für diese extrem schnelle Kursbewegung, die in ihrer Geschwindigkeit alles da gewesene seit dem 19. Oktober 1987 in den USA mit einem Absturz des Dow Jones Index von 22,3 Prozent an einem Tag in den Schatten stellt. Damals gab es sogar einen parlamentarischen Ausschuss, um die Gründe zu analysieren und mögliche Verantwortliche auszumachen.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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