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Kutzers Zwischenruf: Die großen Risiken bleiben – auch nach der Zinswende

Hermann Kutzer · Uhr

Es ist nach wie vor viel los an den Finanzmärkten und in ihrer Umgebung. Starke Stimmungs- und Kursschwankungen sind Ausdruck anhaltender Unsicherheit. Da fällt es Anlageberatern und Fondsmanagern schwer, ihren (potenziellen) Kunden klar umrissene Perspektiven aufzuzeigen. Und wie die jüngsten Analysen zeigen, drücken sich nicht wenige Profis verständlicherweise vor konkreten Börsenprognosen. Private Anleger müssen also selbst entscheiden, ob sie jetzt schon wieder ihre Aktienbestände aufstocken sollten.

Dass auch Aktien (und nicht nur Anleihen) in Zinssteigerungsphasen mit Gegenwind zu kämpfen haben, ist bekannt. In früheren Zyklen konnten Dividendentitel dennoch – wenn auch unterdurchschnittlich – zulegen. Auch diesmal steigen die Gewinnerwartungen weiter. Die Überbewertung gerade beim S&P 500 war allerdings so ausgeprägt, dass für eine Normalisierung die Gewinnzuwachsraten nicht ausreichten und somit die Anpassung über Kursrückgänge erfolgte. Inzwischen ist die Überbewertung allerdings abgebaut. Der S&P 500 ist wieder in das langjährige faire Band zurückgekehrt. Der Dax nähert sich bereits dem unteren Rand. Aus fundamentaler Sicht werden Aktien damit wieder attraktiv, glauben vorsichtig optimistische Frankfurter Strategen. Allerdings neigen Märkte oft zu Übertreibungen in beiden Richtungen. Als Dividendentitel im letzten Jahr trotz hoher Bewertungen immer weiter stiegen, wurde dies zumeist mit der Alternativlosigkeit gerechtfertigt. „TINA“ lautete das Schlagwort – There Is No Alternative. Jetzt scheint es so, als möchte niemand mehr Aktien anfassen, lese ich an anderer Stelle. Anfassen schon, möchte ich die Formulierung korrigieren, aber nicht länger festhalten. Die Kursrückgänge sind breit angelegt. 88 % der Titel aus dem S&P 500 sind unter die 200-Tage-Linie gefallen, beim Dax 90 %. In der Vergangenheit folgte auf solche Phasen häufig eine Erholung.

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Kontrovers bleibt die Diskussion über die alte Börsenweisheit „Greife nie in ein fallendes Messer!“ Wer (im Gegensatz zu mir) nichts davon hält, verweist lieber auf „Kaufe niedrig, verkaufe hoch!“ Argument: Auch wenn es dazu Mut und Ausdauer braucht, zeigt die Historie, dass sich antizyklisches Anlageverhalten häufig auszahlt. Nach derartigen Kursrückgängen kommt es relativ rasch zu einer deutlichen Erholung. Geduld, Bescheidenheit und in jedem Fall die Nerven behalten – bei solchen allgemeinen, dennoch wichtigen Ratschlägen gibt es eine Gemeinsamkeit von Bullen und Bären. Und wer ehrlich ist, wird zugeben, dass niemand wissen kann, ob das Schlimmste schon ausgestanden ist.

Was mich bedrückt: Die Welt ist ein „multimorbider“ Patient geworden – ein Begriff aus der Medizin, den viele Finanzmarkt-Akteure offenbar nicht kennen. So konzentrieren sich die Diskussionen der meisten Profis auf Inflation und Zinspolitik. Den Krieg in der Ukraine verfolgt man natürlich (dafür sorgen schon die Medien) mit Wut im Bauch. Aber spiegelt die Börse tatsächlich diesen Konflikt wider? Ich sehe das nicht. Multimorbide Patienten leiden unter dem Zusammentreffen mehrerer (meist gravierender) Krankheiten. Wir müssen also nicht mit einer einzigen Krise fertig werden. Corona, Geldwertschwund, Staatsverschuldung, Konjunkturschwäche und Lieferkettenbrüche bilden schwerwiegende Belastungen. Noch viel schlimmer ist jedoch der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Ich möchte das förmlich hinausschreien: Wir haben Krieg in Europa, vor unserer Tür. Kriegstreiber ist eine Weltmacht – eine Atommacht! Das Ende ist nicht abzusehen, die Folgen sind unberechenbar. Da sich die einzelnen Konflikte gegenseitig infizieren, drohen aus heutiger Sicht düstere Zeiten – geopolitisch und weltwirtschaftlich.

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