Hartnäckige Inflation stimmt EZB-Währungshüter vorsichtig

Frankfurt (Reuters) - Einen Tag nach der ersten Zinssenkung der EZB seit fast fünf Jahren haben führende Vertreter der Europäischen Zentralbank klare Signale zu möglichen weiteren Lockerungsschritten vermieden.
Sie verwiesen am Freitag darauf, dass die letzte Wegstrecke im Kampf gegen die hohe Inflation sich als besonders schwierig erweise. Noch sei der Ausblick über die zukünftige Entwicklung der Teuerung "zu unsicher, um weitere Zinsschritte in Aussicht stellen zu können", erklärte die deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel in einer Rede für eine Veranstaltung in Berlin. Auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel und Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann äußerten sich sehr zurückhaltend zum weiteren Kurs der EZB.
Nagel betonte auf einer Veranstaltung in Berlin, dass die EZB nicht mit einem Autopiloten unterwegs sei. Es gebe keinen Automatismus, dass nach der ersten Zinssenkung gleich weitere folgen müssten. Die Bundesbank erhöhte am Freitag ihre Inflationsvorhersage für Deutschland, der größten Volkswirtschaft im Euro-Raum. "Die Inflationsrate in Deutschland geht zwar weiter zurück, aber in einem verhaltenen Tempo", erklärte Nagel. Die deutsche Notenbank rechnet nun dieses Jahr mit einer Rate von 2,8 Prozent. Bisher wurden 2,7 Prozent in Aussicht gestellt. Für 2025 wird eine Teuerung von 2,7 Prozent vorhergesagt - bisher waren es 2,5 Prozent gewesen. Vor allem bei den Dienstleistungen sei die Inflation hartnäckig.
Österreichs Notenbank-Chef Robert Holzmann sagte auf einer Konferenz in Wien, die Inflation habe sich als hartnäckiger erwiesen als erwartet worden sei. Die EZB müsse daher künftig vorsichtiger vorgehen. Holzmann war am Donnerstag auf der Sitzung der Euro-Notenbank der einzige Währungshüter, der die Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte nicht mitgetragen hat. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos merkte am Freitag beim spanischen Radio-Sender Onda Cero zur Inflationsentwicklung im Euroraum an: "Die kommenden Monate werden nicht einfach sein." Es werde Monate geben, in denen sich die Teuerung sogar leicht beschleunigen könne. "Aber wir sind überzeugt, dass sie im nächsten Jahr zum Ziel hinkommt."
VILLEROY - "OHNE EILE, OHNE ZÖGERN"
Die EZB strebt 2,0 Prozent Inflation für den Euroraum an. Im Mai hatte die Rate auf 2,6 Prozent zugenommen von 2,4 Prozent im April. Es war der erste Anstieg der Teuerung in diesem Jahr. Das Lohnwachstum in der 20-Länder-Gemeinschaft war zudem im ersten Quartal unerwartet stark gestiegen. Insidern zufolge sahen es deshalb im Nachhinein einige konservative Währungshüter der EZB als keine gute Idee an, dass die Euro-Notenbank die Finanzmärkte im Vorfeld so eindeutig auf eine bevorstehende Zinssenkung im Juni vorbereitet hat.
Es gab am Freitag aber auch optimistischere Stimmen. So hält es Litauens Notenbankchef Gediminas Simkus für möglich, dass es dieses Jahr noch Spielraum für weitere Zinssenkungen gibt. "Wenn sich die Wirtschaft wie vorhergesagt entwickelt, ich denke, ja", sagte er auf eine entsprechende Frage in Vilnius. Frankreichs Notenbank-Chef Francois Villeroy de Galhau erklärte, die Zinssenkung am Donnerstag zeige die Zuversicht der EZB, dass es zu einer "sanften Landung" der Inflation komme, trotz der Aufs und Abs bis Ende 2024. Seine Vorhersage: Die EZB werde bei künftigen Zinssenkungen mit angemessenem Tempo vorgehen. "Ohne Eile oder Zögern," sagte er.
(Weitere Frank Siebelt, Francois Murphy, Francesco Canepa, Balazs Koranyi, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)