VW-Aktien nach Prognosesenkung unter Druck - Werk Brüssel auf Prüfstand

Reuters · Uhr

Berlin (Reuters) - Die zusätzlichen Milliardenkosten bei Volkswagen und das mögliche Aus für das Audi-Werk in Brüssel haben die VW-Aktien belastet. Die Papiere gaben am Mittwoch zeitweise zwei Prozent nach. Ein Händler verwies darauf, dass die Gewinnwarnung nicht erwartet worden sei. Philippe Houchois, Analyst bei Jefferies sagte, die Zahlen könnten auf den ersten Blick auf Schwierigkeiten bei VW hinweisen. Positiv sei aber, dass das Unternehmen jetzt die hohen Kosten in Brüssel angehe.

Weil die Nachfrage nach dem Oberklasse-Elektroauto Q8 e-tron eingebrochen ist, kündigte Audi an, das Werk in Brüssel auf den Prüfstand zu stellen. Der Q8 e-tron könnte möglicherweise vorzeitig eingestellt werden. Die ersten Gespräche über die Möglichkeiten, die es für das Werk gibt, wurden bereits geführt. Sollte sich keine Lösung finden, könnte der Betrieb eingestellt werden hieß es - es wäre das erste Mal seit Jahrzehnten, dass der VW-Konzern ein Werk schließt.

Beim Absatz verzeichnete VW im ersten Halbjahr ein leichtes Minus, vor allem wegen eines Rückgangs in China. Insgesamt lieferte der Konzern 4,35 Millionen Autos aus. Vertriebschefin Hildegard Wortmann zeigte sich aber zuversichtlich, das Ziel eines leichten Anstiegs bei den Auslieferungen im Gesamtjahr zu erreichen, und verwies auf zahlreiche neue Modelle, die nun auf den Markt kommen.

Dennoch dürfte das nicht reichen, um die Kosten wieder einzuspielen, die unter anderem durch den Stellenabbau in der Verwaltung und die Überprüfung des Werks in Brüssel auf VW zukommen. Das Unternehmen kappte deswegen seine Prognose und rechnet für das laufende Jahr mit einer Gewinnmarge von 6,5 bis sieben Prozent, das ist jeweils ein halber Prozentpunkt weniger als bislang angenommen.

ANALYST: AUSLASTUNG IN BRÜSSEL GERING

Insgesamt bezifferte das Unternehmen die Zusatzbelastungen für das laufende Jahr auf bis zu 2,6 Milliarden Euro, davon sind 0,9 Milliarden Euro für Abfindungen in der Verwaltung bereits verbucht. Dazu kämen aber auch weitere Kosten für die geplante Schließung des MAN-Gasturbinenwerks und Währungskursverluste im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus dem Russland-Geschäft. Stephen Reitman, Analyst bei der Investmentbank Bernstein, bezifferte allein die Kosten für das mögliche Aus für Brüssel auf bis zu 1,3 Milliarden Euro, die im dritten Quartal verbucht würden. Das Werk sei eines der teuersten im VW-Konzern. Das Unternehmen bemühe sich bereits seit längerem, die Anlage auf Kurs zu bringen, die 1949 eröffnet wurde und seit 1970 VW gehört.

2023 liefen in dem Werk mit gut 3000 Mitarbeitern 53.555 Autos vom Band. Für das laufende Jahr werde mit einem Rückgang auf 38.000 Fahrzeuge gerechnet, sagte Stifel-Analyst Daniel Schwarz unter Berufung auf Zahlen der Ratingagentur S&P. Damit liege die Auslastung bei einem Drittel dessen, was noch 2012 erreicht worden sei. "Brüssel hat offensichtlich große Überkapazitäten." Zwar könnte VW andere Modelle dort produzieren lassen, wenn das Werk gerettet werden sollte. "Aber global ist die Kapazitätsauslastung so gering, dass es Sinn ergibt, Kapazitäten rauszunehmen." Der Zeitpunkt für Verhandlungen mit den Gewerkschaften sei günstig, weil Audi zuletzt einen deutlichen Gewinneinbruch verzeichnet habe.

NACHFRAGE NACH Q8 E-TRON EINGEBROCHEN

Im ersten Halbjahr verkaufte Audi gerade einmal 17.900 Fahrzeuge vom Typ Q8 e-tron. Einem Insider zufolge könnte es im Laufe des kommenden Jahres aus der Produktion genommen werden. Reitman sagte, das Fahrzeug sei wie andere Elektroautos der ersten Generation schnell auf den Markt gebracht worden, um die CO2-Grenzwerte 2020 einzuhalten. "Es waren halbgare Lösungen, nicht der große Wurf, den sie jetzt mit der neuen PPE-Plattform gewagt haben", sagte er. Als erste Fahrzeuge auf dieser Plattform kommen in diesem Jahr der Q6 e-tron und der Porsche Macan auf den Markt.

Der Nachfolger des Q8 e-tron soll in Mexiko gebaut werden, näher am wichtigen US-Markt. Im Februar hatte Produktionsvorstand Gerd Walker das Fahrzeug für 2027 angekündigt. Es wird auf der SSP-Plattform entstehen, der zukünftigen Elektro-Plattform des Konzerns.

(Bericht von Christina Amann und Victoria Waldersee. Redigiert von Myria Mildenberger. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter Berlin.Newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder Frankfurt.Newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)

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