Größtes Produktionsplus seit Anfang 2023 - Aber Exporte fallen erneut

Reuters · Uhr
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Berlin (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft sendet zum Abschluss eines schwierigen ersten Halbjahres widersprüchliche Konjunktursignale aus.

Industrie, Bau und Energieversorger meldeten im Juni den kräftigsten Anstieg ihrer Produktion seit fast anderthalb Jahren. Die Exporteure mussten zugleich den bislang stärksten Rückgang ihrer Ausfuhren in diesem Jahr verkraften, weil die Nachfrage aus den USA und aus der Europäischen Union nachgelassen hat.

Die Unternehmen stellten zusammen 1,4 Prozent mehr her als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Plus von 1,0 Prozent gerechnet. Die Exporte schrumpften um 3,4 Prozent im Vergleich zum Mai auf 127,7 Milliarden Euro. Das ist der stärkste Einbruch seit Ende 2023 und das zweite kräftige Minus in Folge. Ökonomen hatten lediglich mit einem Rückgang von 1,5 Prozent gerechnet.

"Die deutsche Industrieproduktion hat den Einbruch im Vormonat nur zur Hälfte aufholen können", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Das spricht Bände." Schwache Frühindikatoren legten keine starke Erholung in den kommenden Monaten nahe. "Mehr als eine blutleere Aufwärtsbewegung ist nicht drin", sagte Krämer. Für die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) ist der Anstieg "leider nur ein schwacher Lichtblick", wie ihr Konjunkturexperte Jupp Zenzen sagte. "Ein Cocktail aus schwacher Nachfrage, hohen Kosten und unsicheren wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen - nicht zuletzt hierzulande - bremsen die Industrie", fügte er hinzu.

"VERHALTENE INDUSTRIEKONJUNKTUR"

Das Bundeswirtschaftsministerium sieht ebenfalls keinen Grund zur Euphorie. "Auch wenn die Produktionsdaten zuletzt wieder besser ausgefallen sind, deuten die eingetrübten Geschäftserwartungen im Verarbeitenden Gewerbe auf eine weiterhin verhaltene Industriekonjunktur hin", betonte das Haus von Ressortchef Robert Habeck. "Eine breite konjunkturelle Belebung ist damit, auch angesichts der nach wie vor geringen Auftragseingänge aus dem Ausland, vorerst nicht zu erwarten." Europas größte Volkswirtschaft ist im ersten Quartal um 0,2 Prozent gewachsen, im zweiten dann allerdings um 0,1 Prozent geschrumpft.

AUSSENHANDELSPRÄSIDENT SIEHT MANGELNDE WETTBEWERBSFÄHIGKEIT

Auch im gesamten ersten Halbjahr fällt die Exportbilanz negativ aus: Die Ausfuhren schrumpften um 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 798,8 Milliarden Euro. "Die Exporte folgen den schwachen Auftragseingängen der jüngeren Vergangenheit", sagte Ökonom Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). "Das dürfte sich in den kommenden Monaten im Trend fortsetzen."

Das befürchtet auch der Außenhandelsverband BGA. "Erneut erleben wir einen massiven Einbruch beim Export", sagte dessen Präsident Dirk Jandura. "Die schwache Weltnachfrage und die mangelhafte eigene Wettbewerbsfähigkeit haben den deutschen Außenhandel weiter fest im Griff."

WENIGER NACHFRAGE AUS DEN USA

Die Nachfrage nach Waren "Made in Germany" sank im Juni gleich bei vielen wichtigen Handelspartnern. Die Lieferungen in die USA brachen um 7,7 Prozent zum Vormonat auf 12,9 Milliarden Euro ein, die in die EU sanken um 3,4 Prozent auf 69,7 Milliarden Euro. Das China-Geschäft wuchs dagegen um 3,4 Prozent auf 7,9 Milliarden Euro. "Mit Blick auf die Zukunft besteht angesichts der nachlassenden Dynamik sowohl der US-amerikanischen als auch der chinesischen Wirtschaft und der neuen Handelsspannungen nur wenig Hoffnung auf eine starke exportgetriebene Erholung", sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. "Auch schwache Industrieaufträge, hohe Lagerbestände und vorsorgliches Sparen belasten die Wirtschaft weiterhin." Hinzu komme die zunehmende Zahl von Insolvenzen und die Ankündigung einzelner Unternehmen, Arbeitsplätze zu streichen.

Die deutsche Industrie hat zwar im Juni wieder mehr Auslandsaufträge erhalten. Allerdings fiel der Zuwachs mit 0,4 Prozent bescheiden aus. Zudem hat sich die Stimmung in der Exportindustrie hat sich zu Beginn der zweiten Jahreshälfte eingetrübt. Das vom Münchner Ifo-Institut ermittelte Barometer für die Exportwartungen sank im Juli auf minus 1,7 Punkte, von minus 1,3 Punkten im Juni. "Der Exportwirtschaft fehlt es gegenwärtig an Dynamik", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe dazu. Es gebe wenige Anzeichen für eine substanzielle Besserung.

(Bericht von Rene Wagner und Reinhard Becker, redigiert von Kerstin Dörr - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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