UN: Ein Viertel des Libanons unter Israels Evakuierungsbefehl

Genf/Beirut (Reuters) - Der Libanon steht nach Angaben der Vereinten Nationen inzwischen zu mehr als einem Viertel unter Evakuierungsbefehl des israelischen Militärs.
Es gebe Anordnungen für die Bewohnerinnen und Bewohner von zwanzig weiteren Ortschaften, ihre Häuser umgehend zu verlassen, erklärte die Nahost-Direktorin des UN-Flüchtlingshilfswerkes, Rema Jamous Inseis, am Dienstag in Genf. "Jetzt stehen über 25 Prozent des Landes unter einem direkten israelischen Militärbefehl zur Evakuierung", sagte sie. "Die Menschen folgen diesem Aufruf zur Evakuierung und fliehen mit fast nichts." Vor zwei Wochen war das israelische Militär mit Bodentruppen in den Südlibanon eingerückt. Bei seinem ersten Angriff auf den Norden des Libanons am Montag wurden laut UN vor allem Frauen und Kinder getötet. "Wir hören, dass unter den 22 getöteten Menschen zwölf Frauen und zwei Kinder waren", sagte Jeremy Laurence, der Sprecher des UN-Menschenrechtsbüros.
Nach Angaben der libanesischen Regierung wurden in den vergangenen zwölf Monaten mindestens 2309 Menschen durch israelische Angriffe getötet - die meisten von ihnen seit Ende September. Mehr als 1,2 Millionen Menschen seien auf der Flucht. Das israelische Militär hat im Kampf gegen die radikale Hisbollah-Miliz den Beschuss des Libanons seit geraumer Zeit verstärkt. Im Visier waren bislang vor allem der Süden, wo die Hisbollah traditionell stark vertreten ist, die Bekaa-Ebene im Osten sowie die Hauptstadt Beirut.
Bei dem Angriff auf Aitou im Nordlibanon sei ein vierstöckiges Wohngebäude getroffen worden, sagte Laurence. Das israelische Militär hatte am Montag erstmals die überwiegend von Christen bewohnte Region angegriffen. Angesichts der bekannten Fakten habe das UN-Menschenrechtsbüro ernste Bedenken im Hinblick auf das humanitäre Völkerrecht, also das Kriegsrecht und die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit, sagte Laurence. Er fordert eine Untersuchung des Vorfalls.
Israel hat den Angriff bislang nicht kommentiert. Sein Militär geht nach eigenen Angaben gegen Ziele der Hisbollah vor, die mit der Hamas im Gazastreifen und dem Iran verbündet ist. Trotz ihrer Schwächung durch die gezielte Tötung von Kommandeuren und Anführern seitens Israel ist die Hisbollah im Libanon noch immer einflussreich. In dem Land leben schiitische und sunnitische Moslems, Drusen sowie maronitische und orthodoxe Christen, was sich auch in der Machtverteilung widerspiegelt.
Zugleich wächst die Kritik daran, dass Israel mehrfach die internationalen Unifil-Truppen im Libanon beschossen hat. Der UN-Sicherheitsrat äußerte sich am Montag sehr besorgt. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni forderte mehr Sicherheit für die Friedenstruppen. "Wir glauben, dass die Haltung der israelischen Streitkräfte völlig ungerechtfertigt ist." Es sei "ein eklatanter Verstoß" gegen die UN-Resolution zur Beendigung der Feindseligkeiten zwischen der Hisbollah und Israel. Italien ist mit mehr als 1000 Soldaten einer der größten Truppensteller für die Unifil. Auch Bundesaußenministerin Annalena Baerbock mahnte, die Blauhelm-Soldaten müssten geschützt werden. "Das erwarten wir von allen Akteuren in der Region."
UN: ISRAEL WILL NORDEN VOM REST DES GAZASTREIFENS TRENNEN
Auch im palästinensischen Gazastreifen setzte das israelische Militär seinen massiven Beschuss fort. Ziel ist laut Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Auslöschung der Hamas. Das Militär riegelt nach Einschätzung des UN-Menschenrechtsbüros den Norden des Gazastreifens ab. Es scheine, "Nord-Gaza vollständig vom Rest des Gazastreifens abschneiden" zu wollen. Israelische Truppen kehrten in Gebiete im Norden des Küstenstreifens zurück, die in den ersten Monaten des seit einem Jahr dauernden Krieges massiv bombardiert wurden. So ist das historische Flüchtlingslager Dschabalia seit über zehn Tagen im Fokus des Beschusses und eingekesselt. Dort wurden allein am Dienstag nach palästinensischen Angaben 17 Menschen getötet.
Seit Beginn der israelischen Militäroffensive vor einem Jahr wurden der Gesundheitsbehörde im Gazastreifen zufolge rund 42.300 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet und 99.000 verletzt. Der Krieg im Gazastreifen wurde ausgelöst durch den überraschenden Überfall von Hamas-Kämpfern auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023. Nach israelischen Angaben wurden dabei 1200 Menschen getötet und rund 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Dort werden noch immer rund hundert Menschen festgehalten. Die Regierung Netanjahus steht im eigenen Land in der Kritik, nicht genug für die Freilassung der Geiseln zu tun und ein entsprechendes Abkommen auch über eine Waffenruhe mit der Hamas zu torpedieren.
(Bericht von: Emma Farge, Clauda Tanios, Abdelaziz Boumzar, Amina Ismail; geschrieben von Sabine Ehrhardt, redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)